Hörkino-Archiv 2009

Helmut Kopetzky

Helmut Kopetzky

Mittwoch, 4. Februar 2009

Männer im Mutterland

Nachkriegskinder auf der Couch

Helmut Kopetzky

Rundfunk Berlin-Brandenburg, Saarländischer Rundfunk, Radio Bremen, Westdeutscher Rundfunk, Österreichischer Rundfunk, 2006

Der Zweite Weltkrieg hinterließ in Deutschland 2,5 Millionen Halbwaisen, in ganz Europa 20 Millionen. Fast ein Drittel aller Männer, die zwischen 1933 und 1945 geboren wurden, starteten vaterlos ins Leben – oft im Schatten einer übermächtigen »tapferen Kriegerwitwe«.
Auch die Mutter des Autors erlebte den totalen Zusammenbruch: In Russland fielen ihr erster und ihr zweiter Mann; mit ihrem fünfjährigen Kind wurde sie im Viehwaggon aus dem »Sudetenland« in das zerbombte »Reich« abgeschoben. Sie legte sich einen Körperpanzer zu, die Fassade musste gewahrt werden. Mit 14 Jahren wurde der Sohn mit Bügelfaltenhose und Beamten-Hut zum Ersatzgatten gestylt. Seine Fantasie-Väter hießen Kirk Douglas und Jean Gabin. 65-jährig, zieht er Bilanz einer konfliktreichen Mutter-Sohn-Beziehung und entdeckt ein Generationsschicksal: die lebenslange Nachkriegszeit mit ihren nie ganz weggeräumten Trümmerbergen.

Helmut Kopetzky
ist 1940 in Nordmähren (jetzt Tschechische Republik) geboren, journalistische Ausbildung und Studium, dann Zeitungsreporter und Redakteur der Feature-Abteilung des SFB Berlin. Arbeitet heute als freiberuflicher Autor und Regisseur. Mehrere Arbeiten in der Reihe »Das kleine Fernsehspiel«, produzierte mehr als 100 lange Features, Schwerpunkte: gesellschaftliches Leben in der Bundesrepublik, der Sowjetunion/Russland und Südamerika.


Günter Beyer

Günter Beyer

Mittwoch, 4. März 2009

Die Himmel über Dangast

Der Maler Franz Radziwill

Günter Beyer
Radio Bremen, 2008

Bedrohliche Flugkörper, tollkühne Hochseilartisten, tote Vögel und wehmütige Engelsgestalten – in den späten Bildern des Malers Franz Radziwill (1895–1983) wimmelt es von rätselhaften Symbolen und versteckten Anspielungen. Aber auch die vertraute Landschaft am Jadebusen malt er wieder und wieder. Aufgewachsen in Bremen, inspiriert ihn der Expressionismus der Künstlergruppe »Die Brücke«, Mitte der zwanziger Jahre entwickelt er seine eigene Bildsprache, den »magischen Realismus«. Radziwill lässt sich vom Nationalsozialismus hofieren, wird aber bald fallengelassen. »Das größte Wunder ist die Wirklichkeit!«, pflegte er zu sagen. Damit bleibt er in der »abstrakten« Nachkriegskunstszene ein Außenseiter, der sich mit der Vermietung von Zimmern an Kurgäste über Wasser hält und buchstäblich ums Überleben Stillleben malt. Erst Ende der 60er Jahre wird Radziwills Bedeutung international erkannt. Zeitgenossen berichten über den Einsiedler vom Jadebusen und der Künstler kommt in Originaltönen ausführlich selbst zu Wort.

Günter Beyer
ist in Bremen geboren, studierte Politische Wissenschaften und Philosophie in Konstanz; arbeitete unter anderem als Lehrer, Zeitungskorrektor und Typograf. Seit 1986 tätig als freier Journalist für Hörfunk und Tageszeitungen. Mehrere Journalistenpreise: Deutsch-französischer Journalistenpreis, Preis der Smith-Kline-Beecham-Stiftung, Preis der Kindernothilfe. Er lebt in Bremen.


Tom Schimmeck

Tom Schimmeck

Mittwoch, 1. April 2009

»Koma-Kicks«

Erkundungen über junge Kampftrinker

Tom Schimmeck
Norddeutscher Rundfunk, 2008

Die einen wollen einfach ein bisschen erwachsen sein, dazugehören. Manche wollen Sorgen vergessen, und die meisten träumen davon, so richtig cool zu sein. Hoch die Tassen. Weitertrinken, Filmriss. Jedes Jahr trinken rund 750000 Menschen in Deutschland das erste Mal Alkohol. Und jeder fünfte 14-jährige Jugendliche greift einmal pro Woche zur Flasche. Für viele der Beginn einer Trinkerkarriere. Das Rauschtrinken, das »Koma- oder Flatrate-Saufen«, nimmt zu. Jugendalkoholismus findet kaum in Statistiken statt, aber er breitet sich aus. Tom Schimmeck zeigt in seinem Feature einen jugendlichen Alltag, der erschreckt, und fragt nach den Motiven. Im vergangenen Jahr landeten fast 20000 Kinder und Jugendliche volltrunken im Krankenhaus. Bereits ab 0,5 Promille Alkohol im Blut kann ein Jugendlicher bewusstlos werden. Das Radiofeature spielt in Hamburg und Niedersachsen, auf Partymeilen im Wald, in Notaufnahmen von Therapieeinrichtungen.

Tom Schimmeck
ist in Hamburg geboren, war Mitgründer der »taz« und ab 1984 freier Autor der »Frankfurter Rundschau«, des NDR und anderer Medien; Redakteur bei »Tempo« und beim »Spiegel«. Er arbeitete in Johannesburg und war Auslandsreporter, seit 2002 unter anderem für »Die Zeit«, »Geo« und die »Süddeutsche Zeitung«.


Sybille Tamin

Sybille Tamin

Mittwoch, 6. Mai 2009

Jagdszenen aus Unterfranken

Der Fall Eschenau

Sibylle Tamin
Bayrischer Rundfunk, Westdeutscher Rundfunk, Deutschlandfunk, 2008

Über 40 Jahre hin werden in einem fränkischen 200-Seelen-Dorf Kinder und junge Frauen sexuell missbraucht und vergewaltigt. Als ein Opfer das Schweigen bricht, erhängt sich einer der Verdächtigen, der andere landet in der Psychiatrie. Im Dorf herrscht Krieg. Hätten die Frauen geschwiegen, wäre im schönen Eschenau die schöne Dorfgemeinschaft nicht dabei zu zerbrechen, heißt es. »Was ist schon dabei, wenn man einem Madel unter den Rock greift.« Das Dorf setzt sich zur Wehr. Opfer werden zu Tätern gemacht, die Frauen und ihre Familien bedroht: »Der schlag ich den Schädel ein.« Eine Hetzjagd beginnt. Erst wenn alle Opferfamilien vertrieben sind, könnten wieder Feste von der Dorfgemeinschaft fröhlich gefeiert werden. Ein Jahr lang hat die Autorin das Dorf beobachtet und Gespräche geführt. So wurde der Fall Eschenau schließlich zum Sozio- und Psychogramm, beispielhaft für die Brüchigkeit eines friedlichen Miteinanders.

Sibylle Tamin
ist in Stuttgart geboren und lebt in Berlin. Sie studierte Theaterwissenschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Seit 1971 arbeitet sie für Fernsehen, Zeitung und Radio.


Jörn Klare

Jörn Klare

Mittwoch, 3. Juni 2009

Der Weltgerechtigkeitsbasar

Der »Fall Bhutan« und der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen

Jörn Klare
Deutschlandfunk, Norddeutscher Rundfunk, 2007

Ratan Gazmere ist Bhutanese. Seine Heimat – ein kleines, absolut regiertes Königreich zwischen Indien und China – hat er seit 15 Jahren nicht mehr betreten dürfen. Gazmere ist Opfer einer ethnischen Säuberung. Als er 1989 dagegen protestierte, landete er in einer Folter- und Todeszelle, aus der er nur Dank der Hilfe von Amnesty International gerettet wurde. 1992 konnte er aus Bhutan fliehen, er lebt mit 100000 Menschen in einem deprimierenden Flüchtlingslager in Nepal. Einmal im Jahr reist er zum Rat für Menschenrechte der UN nach Genf. Jeden Morgen fährt er von seinem billigen Privatquartier zum Tagungsgebäude. Wie ein Staubsaugervertreter sucht er auf langen Fluren nach jemandem, der ein bisschen Einfluss haben könnte. Bemüht um einen Blickkontakt, hofft er mit zwei kurzen Sätzen Interesse zu wecken, vielleicht sogar einen Termin zu bekommen – fünfzehn oder auch nur zehn Minuten –, um 100000 verzweifelten Menschen eine Zukunft zu ermöglichen.

Jörn Klare
ist in Hagen geboren, lebt in Berlin, studierte Psychologie, Theaterwissenschaft und Theaterregie in Berlin. Es folgten Theaterarbeiten in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Seit 1995 ist er freier Autor für Reportage- und Feature-Redaktionen im ARD-Hörfunk. Themen: Politik, Soziales, Kultur.


Detlef Michelers

Detlef Michelers

Mittwoch, 2. September 2009

»Fragen Sie mich nicht, wie einsam ich bin«

Romy Schneider, eine europäische Schauspielerin

Detlef Michelers
Norddeutscher Rundfunk, Westdeutscher Rundfunk, 2008

Romy Schneider war neben Marlene Dietrich die einzige deutsche Schauspielerin der Nachkriegszeit von internationalem Rang. Sie starb mit 43 Jahren am 29. Mai 1982 an Herzversagen; fast 60 Filme hatte sie gedreht. Zum bewunderten und vergötterten jungen Star wurde sie mit der Sissi-Trilogie. Ihr künstlerischer Durchbruch kam mit dem Wechsel nach Frankreich, als sie in den 60er und 70er Jahren mit Regisseuren wie Visconti und Sautet drehte. Die Franzosen wählten sie zur »größten Schauspielerin des 20. Jahrhunderts«; eine Frau, die erschütternd und zwiespältig, enthusiastisch und glühend in ihren Rollen war und von Film zu Film ihren Mythos vergrößerte.
Ein Mythos, der durch ihr spektakuläres Privatleben zusätzlich verklärt wurde. Die Beziehung zu Alain Delon, die Heirat mit Harry Meyen, die zweite Ehe mit ihrem Sekretär Daniel Biasini, der tragische Unfalltod des 14-jährigen Sohnes, Alkoholprobleme und Tablettensucht: illustres Futter für Boulevard und Medien.

Detlef Michelers
lebt als freier Autor in Bremen und Berlin. Er verfasst Radio-Features, Erzählungen, dokumentarische Literatur, Krimistories und Hörspiele. Seine Features wurden mehrfach ausgezeichnet. Für das Feature über eine Kindesentführung – »Papa holt euch nach Hause« – erhielt er den internationalen Hörfunkpreis »Premios Ondas«.


Karla Krause

Karla Krause

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Tödliches Erbe

Ein Gen spielt Schicksal

Karla Krause
Rundfunk Berlin-Brandenburg, Westdeutscher Rundfunk, 2008

»Morbus Huntington«, früher auch Veitstanz genannt, ist eine Krankheit mit schwerem Verlauf, die zu 50 Prozent vererbt wird. 1992 wurde das »Huntington-Gen« entdeckt. Seitdem gibt es den Test, der voraussagt, ob die heute noch symptomfreie »Risikoperson« mit 35 oder 45 Jahren erkranken wird. Als Eva, Detlef und Lieschen Kinder bekamen – vor der Entdeckung des Gens – ahnten sie nichts von ihrem genetischen Erbe. Ihre Söhne und Töchter haben die Möglichkeit, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Ändern können sie ihr Schicksal nicht. Aber sie können sich entscheiden zu erfahren, ob sie erkranken werden oder nicht. Zwei junge Frauen erzählen.

__Karla Krause_
ist seit 40 Jahren im Medienbetrieb tätig: als Radio-, Fernseh- und Buchautorin, als Fernsehredakteurin und Filmproduzentin, als Medienberaterin für UNICEF Jakarta/Indonesien. Erhielt den »Katholischen Medienpreis« 2003, den »Deutschen Sozialpreis« 2004, den »Robert Geisendörfer Preis« 2000 sowie 2008 für »Tödliches Erbe – Ein Gen spielt Schicksal«

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Margot Overath

Margot Overath

Mittwoch, 4. November 2009

Entführt oder gerettet

Das Schloss der griechischen Kinder

Margot Overath
Rundfunk Berlin-Brandenburg, Deutschlandradio Kultur, Österreichischer Rundfunk, Norddeutscher Rundfunk, 2008

Ein vergessenes Kapitel europäischer Geschichte, das in der letzten Phase des griechischen Bürgerkriegs Ende der 40er Jahre begann und bis heute nicht abgeschlossen ist: Damals verließen 28000 Kinder ihre Heimatdörfer in Nordgriechenland. Sie wanderten, von Partisanen begleitet, im Schutz der Nacht über die Berge nach Albanien, Jugoslawien und Bulgarien. Zuerst waren die jüngeren geholt worden. Sie freuten sich vielleicht auf unbekannte Abenteuer, auch wenn sie beim Abschied weinten. Später die älteren, viele mit Gewalt. Bis heute ist unbekannt, wie viele Kinder den Partisanen mitgegeben und wie viele ohne Wissen der Eltern entführt wurden. Offiziell unbekannt ist auch, warum dies geschah. Da die Kinder auf die sozialistischen Staaten Osteuropas verteilt wurden, wird angenommen, dass sie zu Partisanen erzogen werden sollten. Doch Stalin überließ Griechenland den Westmächten, die Kinder blieben, wo sie waren. Sie entwickelten neue Identitäten, sie zahlten dafür mit dem Gefühl des Verlassenseins und mit einer lebenslangen Sehnsucht nach Liebe.

Margot Overath
lebt im Bremer Umland; sie arbeitete am Hamburger Institut für Sozialforschung und forschte dort über die RAF. Als freie Autorin tätig für alle Hörfunk-Anstalten der ARD, erhielt für ihre Sendungen den »zivis-Preis« und den »IFJ-Prize« der Internationalen Journalistenförderation.


Grace Yoon

Grace Yoon

Alfred Koch

Alfred Koch

Mittwoch, 2. Dezember 2009

»Lady Day«

Leben der Billie Holiday

Grace Yoon und Alfred Koch
Deutschlandfunk, Norddeutscher Rundfunk, Rundfunk Berlin-Brandenburg, Österreichischer Rundfunk, 2007

Billie Holiday ist die Stimme des Jazz. Ihr Leben war so intensiv wie ihre Musik. Eine außergewöhnlich talentierte Frau, die ein Leben auf dem Drahtseil führte – stets von der Rassentrennung, von falschen Freunden und ihrer Drogensucht bedroht. 1939 sang sie erstmals den Song »Strange Fruit«, ein Aufschrei gegen die Lynchjustiz an Schwarzen. In dem Film »New Orleans« (1946) durfte sie nur die Rolle spielen die Hollywood damals für Schwarze vorsah: die des Dienstmädchens. Vor 50 Jahren, am 17. Juli 1959, starb Billie Holiday 44-jährig in New York. Ihre Autobiografie liegt in vielen Sprachen vor, Diana Ross spielte Lady Day in dem Film »The Lady sings the Blues«. und immer noch gibt es Samples ihres Gesangs in modernen Re-Mixes, Techno- und Rap-Produktionen. »Lady Day« ist ein Feature-Hörbild mit Zeitzeugen-Interviews, Probe-Aufnahmen und Musik. Das akustische Porträt einer Künstlerin, die so zerrissen war wie ihre Zeit.

Grace Yoon
geboren in Korea, studierte Kunst in England, lebt seit 1975 in Deutschland als Performance-Künstlerin, seit 1991 Autorin und Regisseurin für den Hörfunk der ARD. Erhielt den »Prix Futura« des BBC, den »Best Essay Award« in Montreal, den internationalen »Prix Marulic«.

Alfred Koch
lebt in Wien. Seit 1995 ist er Redakteur der Feature-Redakion des Österreichischen Rundfunks. Autor preisgekrönter Sendungen, unter anderem gewann er den »Prix Italia«. Seit 2004 Mitglied der EBU Features Group.