Margot Overath, Fotograf: Lukas Ohnesorg

So, 30.10.2016

“Ein Feature schreibe ich mit kühlem Kopf”

„Margot Overath demonstriert in dieser Funkarbeit erneut, wie sich Zivilcourage mit publizistischer Sorgfalt verträgt.“ So urteilte die Jury des Bremer-Hörkino-Preises über das Feature „Oury Jalloh – die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalls.“ Overath deckte darin Ungereimtheiten in den Ermittlungen zum Tod des Asylbewerber Oury Jalloh auf, der 2005 in einer Polizeizelle in Dessau verbrannte. Ein Gespräch mit der Autorin.

Wie lange arbeiten Sie schon als Feature-Autorin?

Mein erstes Feature habe ich 1984 gemacht. Das werde ich nie vergessen, es ging um den Verfassungsschutzskandal in Bremen. Am 6. Mai 1980 waren im Weserstadion Bundeswehr-Rekruten vereidigt worden. Es gab eine Gegendemonstration und einen Riesenkrawall. Und danach wurde die linke Szene beobachtet vom Verfassungsschutz. Darunter auch eine Wohngemeinschaft in meiner Nachbarschaft in der Graudenzer Straße in der Bremer Neustadt. Sie war von einer gegenüber liegenden Dachwohnung aus beobachtet worden. Die WG hatte es bemerkt und nach einer Woche die Observation beendet, indem einer von ihnen dort reinging und die Observierungsgeräte aus dem Fenster warf. Die beiden Verfassungsschützerinnen flohen und ließen ihre Handtaschen zurück. Darin fanden sich Notizbücher und Einsatzpläne, aus denen hervorging, dass offenbar sehr viele Bremer betroffen waren. Diese Aufzeichnungen wurden kurz darauf in einer Broschüre veröffentlicht. Und ich habe zu einigen dieser observierten Leute Kontakt bekommen und sie für den „Popkarton“ interviewt, eine viel gehörte freche Jugendfunksendung auf Radio Bremen eins, damals “Hansawelle”. Der junge Mann, der die Kameras unbrauchbar gemacht und die Notizbücher an sich genommen hatte, wurde später wegen Raubüberfalls angeklagt. Den Prozess vor dem Landgericht habe ich für den „Popkarton“ beobachtet. Ein sehr spannender Prozess. Seinem Verteidiger Heinrich Hannover war es gelungen, die ganze Angelegenheit in Frage zu stellen, indem er auch andere Observierte als Zeugen laden ließ.

Haben Sie das Thema damals für ein Feature angeboten?

Ich hatte immer wieder darüber berichtet und irgendwann sprach mich Günther Demin an, seinerzeit Feature-Redakteur von Radio Bremen, ob ich nicht mal ein Feature zu dem Thema machen wolle. Ich war sofort begeistert, hab gleich losgelegt, aber einige der Observierten fürchteten, ein Risiko einzugehen, wenn sie in einer seriösen Sendung wie dem Feature ihre Geschichten erzählen. Demin sagte: „Dann anonymisieren wir das Ganze, Sie schreiben die O-Töne auf und wir lassen es sprechen.“ So haben wir es gemacht und Gottfried von Einem hat es inszeniert.

Was reizt Sie am Feature? Warum sind Sie dabei geblieben?

Ich bin durch diese Verfassungsschutz-Geschichte auf Themen aufmerksam geworden, die etwas Kontroverses oder etwas Geheimnisvolles an sich hatten, das zu hinterfragen mich reizte. Und manche Redakteure suchten Autoren, die sich trauten, sich auch mal in die Nesseln zu setzen. Nach meinem ersten oder zweiten Feature wurde ich angesprochen, ob ich mir zutrauen würde, Terroristen im Gefängnis zu interviewen. Eine spannende Aufgabe, für die ich 1985 als feste Freie beim „Popkarton“ aufgehört habe und für dreieinhalb Jahre als Wissenschaftliche Mitarbeiterin zum Hamburger Institut für Sozialforschung ging. Das war Pionierarbeit, denn die Justizbehörden hatten bislang Besucher von Terroristen unter Generalverdacht gestellt. Um Genehmigungen für die Interviews mit den RAF-Leuten zu bekommen, musste ich viel Ausdauer und Beharrlichkeit aufbringen.

Haben Sie in der Zeit kein Radio gemacht?

Ich habe parallel Feature gemacht. Zum Beispiel über den Prozess gegen den Thälmann-Mörder Wolfgang Otto vor dem Landgericht Krefeld. Thälmann war Vorsitzender der KPD, er wurde 1944 von den Nazis in Buchenwald ermordet. Ich hatte noch keinen Naziprozess beobachtet, wusste aber, dass diese Verfahren oft mit milden Strafen ausgehen. Gleichzeitig zu der Arbeit am Thälmann-Feature recherchierte ich das Verfahren gegen die “Bewegung 2. Juni” für das Hamburger Institut. Da hatte Fritz Teufel fünf Jahre Haft bekommen als Mitglied der Bewegung 2. Juni, war an den angeklagten Taten aber nicht beteiligt. Er jobbte im Ruhrgebiet, sein Alibi war wasserdicht. In dieser Zeit endeten einige Nazi-Prozesse mit sehr geringen Strafen, weniger als fünf Jahre. Diese Angeklagten hatten Zehntausende Tote auf dem Gewissen. Das hat mich schockiert.

Ist es Empörung und Empathie, was Sie antreibt, ein Feature zu schreiben?

Nein, zwar kann ich mich gegen Empörung nicht schützen und diese Justiz bringt mich heute noch in Rage, aber ein Feature schreibe ich mit kühlem Kopf. Ich kann auch nicht sagen, dass ich für die Terroristen Empathie empfand, nein, das wäre doch absurd. Aber ich fand es mutig, dass sie bereit waren, sich von mir interviewen zu lassen. Zuvor hatten sie Gespräche mit Journalisten immer abgelehnt. Klaus Jünschke war der Erste, mit dem ich sprach. Die JVA (Justizvollzugsanstalt) in Diez hatte mir nicht mal erlaubt, einen Recorder zu benutzen. Jünschke war als Bankräuber und Polizistenmörder verurteilt. In einem anderen Verfahren gegen RAF-Leute hatte er als Zeuge den Richter geohrfeigt hat. Er hat mir erzählt, dass er jahrelang in spezieller Einzelhaft war ohne Kontakt zu anderen Häftlingen oder nur zu einem, was noch schlimmer gewesen sei. Die Haftbedingungen hätten ihn extrem aggressiv gemacht. Nach vielen Jahren hatte ein Gefängnispastor als erster als Problem wahrgenommen und sich für eine Änderung eingesetzt. Wenn das ein Erziehungsprogramm gewesen sein soll, dann muss ich sagen, dass diese Einzelhaft das Gegenteil bewirkt hat. In seinem Prozess hatte Jünschke sich nicht verteidigt. Er bekam Lebenslänglich, obwohl er nicht der Täter bei dem Banküberfall gewesen sein kann. Später stellte sich heraus, dass er an dem Tag in einer anderen Stadt war. Sein Lebenslänglich hat er trotzdem 17 Jahre lang absitzen müssen. Er habe sich mit Absicht nicht verteidigt, weil er die Justiz vorführen wollte, sagte er mir.

War das eine große Belastung für Sie, die Interviews im Gefängnis zu führen?

Einer ist immer dabei, der alles mitschreibt. Manchmal auch zwei. Am Anfang fühlte ich mich unbehaglich, doch das verschwand mit der Zeit. Die Aufpasser spielten bald keine Rolle mehr.

Haben Sie selbst Schwierigkeiten bekommen, weil Sie sich für das Leben der RAF-Häftlinge interessiert haben?

Ja, ich wurde überwacht, das erfuhr ich durch eine Anfrage beim Bundesamt für Verfassungsschutz. Ich stand fünf Jahre unter Beobachtung. Direkt nach meiner Anfrage sei die Sammlung gelöscht worden, schrieb das Amt. Das geschah angeblich als Folge der normalen Aktenbereinigung.

Haben Sie das geglaubt?

Nein, ich vermute, dass die Sammlung aufgrund meiner Anfrage gelöscht wurde. Wenn ich gewusst hätte, dass es so läuft, hätte ich die Frage anders gestellt.

Was hat es bei Ihnen ausgelöst, dass Sie über Jahre beschattet wurden?

Ein angenehmes Gefühl ist es nicht. Ich habe mich dann darauf verlassen, dass es vorbei ist, das hoffe ich jedenfalls. Es hat auf meine Arbeit keine Auswirkungen gehabt. Alle Journalisten wurden damals beobachtet, die über terroristische Vereinigungen berichtet haben.

Hätte es Sie abgehalten, wenn Sie es gewusst hätten?

Schwierige Frage. Hätte ich damals diesen Job nicht annehmen sollen? Diese Arbeit hat mir viel gebracht, ich habe sehr viel gelernt. Der Projektleiter für die Interviews mit der RAF war Heinrich Hannover, ein Ausnahmejurist. Ohne die Lehre, in die ich da gegangen bin, hätte ich vielleicht manche Recherche nicht machen können.

Hat Ihnen das auch fürs Feature über den Justizskandal um Oury Jalloh viel gebracht? Es ist ja ein Thema, bei dem Sie auch als Person stark sein müssen.

Auf jeden Fall. Als mir klar war, da ist etwas ganz und gar schief gelaufen, da hat es mir sehr geholfen. Nachdem der Bundesgerichtshof (BGH) das Urteil wegen Fahrlässiger Tötung bestätigt hatte, habe ich sämtliche Akten gelesen. Wochenlang habe ich gelesen und sogar eine Matrix angelegt, damit mir nichts entgeht und ich diese Vertuschungsgeschichte in ihrer Komplexität durchschaue. Um solch einen Fall zu verstehen und zu beschreiben hilft es, auch die für Nichtjuristen komplizierten Verfahrensfragen zu verstehen. Sich hin und wieder mal auf die Pressetribüne zu setzen reicht nicht.

Wie sind Sie auf Oury Jalloh aufmerksam geworden?

Im Sommer 2009 bekam ich die Information von der „Internationalen Liga für Menschenrechte“, dass der diesjährige Preisträger Mouctar Bah heißen wird. Er ist der Freund von Oury Jalloh, der die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh gegründet, die Öffentlichkeit auf den Fall aufmerksam gemacht und dadurch die Dessauer Justiz in Zugzwang gesetzt hatte. Dafür sollte Mouctar Bah mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichnet werden. Da viele große Persönlichkeiten diese Medaille bekommen haben, wollte ich ihn porträtieren. Ich fuhr nach Dessau und ließ mir von ihm Details zum Tod seines Freundes erzählen. Mir wurde bald klar, dass dies ein eigenes Feature-Thema werden musste. Die Staatsanwaltschaft wollte zu der Zeit Mouctar Bah einen Ladendiebstahl anhängen, den er tatsächlich nicht begangen hatte. Es war sogar so, dass der Diebstahl gar nicht stattgefunden hatte, aber der Verdacht hatte schon es in die Dessauer Tageszeitungen gebracht. Ich habe den Staatsanwalt damit konfrontiert, dass dem entsprechenden Bekleidungsgeschäft von einem Diebstahl nichts bekannt war, was ihn offenbar sehr ärgerte, denn er drohte damit, mein Aufnahmegerät zu beschlagnahmen und warf mich hinaus. Anschließend beklagte er sich beim Sender über mich. Das war der Anfang einer wie es scheint endlosen Recherche, aus der bisher drei Features entstanden sind. Eins über Mouctar Bah und zwei über die misslungene Aufklärung des Todesfalls. Das vierte Feature ist in Arbeit.
Oury Jalloh ist in einer Polizeizelle in Dessau verbrannt, gefesselt an Händen und Füssen. Die Polizei behauptete, dass er selbst die Zellen-Matratze angezündet hatte, zudem er gefesselt gar nicht in der Lage war. Und doch hat der erste Prozess keinen Schuldigen ausfindig gemacht. Es gab zwei Freisprüche. Einer wurde rechtskräftig, einen hob der Bundesgerichtshof (BGH) auf. Dann gab es ein neues Verfahren in Magdeburg, das ich streckenweise beobachtet habe. Aber auch das Magdeburger Gericht ging davon aus, dass das Opfer sich selbst angezündet habe. Weil auch diesmal der Staatsanwalt nicht angeklagt hatte, wie der Brand entstanden war, sondern nur, dass der Dienstgruppenleiter seine Dienstaufsicht verletzt hat, weil er zu spät auf den Brandmelder reagiert hat. Deswegen sagte die Vorsitzende Richterin am letzten Verhandlungstag, es sei nicht ihre Aufgabe gewesen, herauszubekommen, wer das Feuer in Oury Jallohs Zelle gelegt habe. Ob er angesteckt wurde oder es selbst tat. Sondern nur, ob sein Suizid hätte verhindert werden können. Und das wurde bejaht. In der Urteilsbegründung steht dann auch, er habe sich selbst angesteckt. Der zuständige Dienstgruppenleiter bekam eine Geldstrafe von 10.800 Euro. Inzwischen hatte die Initiative um Mouctar Bah einen eigenen Brandgutachter beauftragt, der den Brand rekonstruiert hat. Der fand heraus, dass Oury Jalloh die Matratze nicht selbst anzünden konnte. Ich hatte in meinem Feature einen Züricher Toxikologen, der zum gleichen Schluss gekommen ist. Schließlich hat die Staatsanwaltschaft Dessau ein Verfahren gegen Unbekannt aufgelegt, das noch läuft, aber nicht so recht vorankommt.

Wieso wollte man nicht wissen, wie Oury Jalloh gestorben ist?

Ich denke, dass direkt nach dem Fund der Leiche klar war, dass ein Dritter den Brand gelegt haben musste. Oury Jalloh war gefesselt, an allen Vieren fixiert. Die rechte Hand war fixiert an der Zellenwand. Seine Sachen waren vorher durchsucht und abgetastet worden, die Hosentaschen ausgeleert, er trug keine Jacke und er hatte kein Feuerzeug bei sich. Dies Offensichtliche führte nach meinen Ergebnissen dazu, dass es wahrscheinlich eine unabgesprochene Vereinbarung gab: Wir sagen, es war Suizid. Der Dienststellenleiter ging mit der Information „Ein Gefangener hat sich in seiner Zelle umgebracht“ zur Polizeipräsidentin, die gab sie an den Innenminister Sachsen-Anhalts in Magdeburg weiter. Alles weitere folgte daraus. Es kam kein Staatsanwalt, es kam kein Brandsachverständiger. Man schickte eine Tatortgruppe des Landeskriminalamtes, die so tat, als sei sie mit solchen Sachen überfordert. Der Fotograf fotografierte nicht, der Videograf filmte nicht. Oder er bzw. Kollegen löschten anschließend sein Video. Wir vermuten, weil rasch klar war, dass hier etwas passiert ist, was nicht sein darf. In einer Zelle von 6 x 4 Meter, die voller Brandschutt liegt, macht man normalerweise Felder, fotografiert sie, birgt den Brandschutt und sichert ihn. Aber sie haben noch in der Zelle den Schutt mit den Händen durchwühlt, nur einen Teil des Brandschutzes in Behälter gepackt, der Rest wurde zusammengefegt und vom Hausmeister entsorgt. Als der Brandexperte eintraf, war die Zelle schon besenrein.

Wird etwas vertuscht, weil man die Polizei schützen wollte?

Jeder, der an diesem Tag im Revier war, musste damit rechnen, dass er mit dem Feuer in Verbindung gebracht wird - auch diejenigen, die gar nichts damit zu tun hatten. Alle haben sich gegenseitig geschützt und viele haben in den Vernehmungen und als Zeugen vor Gericht gelogen. Zumindest, indem Sie Erinnerungsdefizite vortäuschten. Passiert ist nichts. Diejenigen, die aktiv an der Vertuschung beteiligt waren, haben ein Verfahren bekommen wegen Falschaussagen im ersten Prozess. Das führte dazu, dass sie im zweiten Prozess vom Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machten und keine Zeugenaussagen mehr abgeben mussten. Dies ist jetzt auf weitere Zeugen ausgeweitet worden. Nicht wirklich hilfreich für die Wahrheitsfindung.

Als Sie in Dessau waren und immer wieder nachgehakt haben, da hat man Sie nicht gerade gemocht.

Ich wurde von allen als Störenfried betrachten. Ob Justiz, Polizei oder Verwaltung, man hatte kein Verständnis für mein Interesse und wollte in Ruhe gelassen werden.

Auch der Prozess in Magdeburg kommt nicht voran. Hat man sich da auch von Ihnen gestört gefühlt?

Im laufenden Prozess darf man keine Fragen stellen. Direkt danach habe ich angefangen, das Feature zu schreiben. Ich habe versucht mit den Richtern in Kontakt zu kommen, bin aber nicht durchgekommen, auch nicht zum Innenministerium. Mit der damaligen Polizeipräsidentin, die inzwischen in die Landesregierung befördert wurde, habe ich zwar mehrmals telefoniert, aber mir nur Absagen geholt. Sie habe sich damals nicht geäußert und wolle es auch jetzt nicht tun, war ihre Antwort.

Gibt es so etwas wie ein Corps-Geist?

Ja, bei der Polizei überall. Das ist doch bekannt und sogar erforscht worden. Aber ich denke, die Dessauer Polizisten reden vor allem deshalb nicht, weil sie ihre eigene Unsicherheit verbergen wollen. Vielleicht aus Angst, zu viel zu sagen.

Wie hat die Recherche Sie persönlich beeinflusst?

Man wird irgendwann zur Getriebenen. Ich denke zum Beispiel an den bayerischen Kollegen Ulrich Chaussy, der viel über das Oktoberfest-Attentat gemacht hat. Er konnte nicht mehr aufhören. Fast so geht es mir auch. Ich will wissen, was passiert ist. Manchmal denke ich aber auch, das ist nicht gesund.

Was soll daran nicht gesund sein?

Ich habe mit Kollegen gesprochen, mit Staatsschützern, mit ehemaligen Geheimdienstlern. Sie haben gesagt: „Man muss wissen, wenn man zu weit gegangen ist.“ Ich habe nach dem zweiten Feature über Jalloh eine lange Pause eingelegt. Im Prinzip habe ich aber keine Angst. Was mich negativ beeinflusst ist, dass die Gedanken an die Recherche mich immerzu beschäftigen. In diesem Sommer habe ich in NRW ein Interview mit einem pensionierten Kripochef geführt. Der wollte dafür sorgen, dass die Polizei transparent ist. Sehr weit ist er nicht gekommen. Er sagt, es dürfe nicht sein, dass sich die Polizei benimmt wie eine undurchdringliche Sekte. Er gab mir einige Tipps, wie ich weiter machen könnte.

Wollen Sie weitermachen?

Wenn ich solche Tipps bekomme, kann ich mich dem nicht verschließen. Aber es ist auch mit enormen Kosten verbunden für Reisen zu Informanten und so weiter.

Wovon machen Sie es abhängig, dass Sie das dritte Feature über Jalloh machen?

Es gibt zwei mögliche Varianten, wann Zeit ist, weiter zu machen. Wenn das Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen Mordes eingestellt wird. Oder wenn es zu einer Anklage gegen einen oder mehrere Angeklagte kommt.

Das Feature ist eher ein Rand-Genre. Aber mit diesen beiden Stücken sind Sie in den Fokus geraten.

Einige Zeitungen haben bei mir angerufen. Der Berliner „Tagesspiegel“ machte aus meinem ersten Feature eine Seite drei. Vor dem zweiten Feature brachte die „ZEIT“ eine Zusammenfassung meiner Rechercheergebnisse. Das war sehr wichtig, denn ZEIT-lesende Kriminalbeamte sind darauf aufmerksam geworden und unterstützen mich seitdem. Ich habe viele Interviews gegeben, dem MDR, WDR, Bayrischen Rundfunk, Radio Bremen, Deutschlandfunk… Das freut mich sehr, dass so viel Interesse da war.

Sie hatten vor, weniger zu arbeiten. Aber von Ruhestand ist wenig zu spüren.

Ja, das hat nicht funktioniert (lacht). Im Moment arbeite ich an einer TV-Doku über den Tod von Benno Ohnesorg, der sich 2017 zum 50. Mal jährt. 2002 und 2012 hatte ich bereits Features zum Thema gemacht. Der TV-Redakteur des RBB hatte meine Radio-Sendungen noch im Ohr, sie hatten ihm gefallen und ja, so kam das dann.

Wie ist es für Sie als Radio-Autorin, Fernsehen zu machen?

Ungewohnt. Es sitzt ein Regisseur hinter mir. Ich muss Sequenzen mehrmals machen, das ist anders als beim Radiomachen. Gut tut mir der Austausch im Team! Es ist nicht so einsam wie das Feature machen.

Heißt das, Sie wünschen sich mehr Austausch mit den Feature-Redaktionen beim Radio?

Es gibt viele Autoren, die kommen mit Fragmenten in die Redaktion und dann basteln sie zusammen mit dem Redakteur daran. Das habe ich nie gemacht. Oft hinterfragen meine Stücke ein Geheimnis, dem ich persönlich auf der Spur bin und nicht der Redakteur oder die Redakteurin. Die kriegen meistens erst zum Schluss zu lesen, was ich herausgefunden habe.

Haben Sie ein Lieblingsstück, das Sie immer noch bewegt?

Spontan: „Das Geheimnis – eine deutsch-polnische Familiengeschichte“. Ein Stück, über einen Mann, der nicht weiß, wer sein Vater ist. Ich war damals gerade für Deutschlandradio Kultur beim Suchdienst in Hamburg und da rief in dem Moment ein Pole an, der seinen Vater suchte. Und der Sachbearbeiter hat den einfach gefragt, ob er mit mir sprechen will. Wenn ich nur ein paar Minuten früher oder später dort gewesen wäre, hätte ich den nie kennengelernt. Durch meine Archiv-Recherchen in Berlin, Ludwigsburg, Warschau und Danzig habe ich herausbekommen, dass der gesuchte Vater Deutscher war und in Polen hoher Nazifunktionär. Er war zuständig für die Bekämpfung des polnischen Widerstands. Irgendwann habe ich all die wichtigen Kopien aus den Archiven der Familie vorgelegt. Das war bewegend. Der Sohn war dennoch glücklich, dass das Geheimnis endlich gelüftet war. Er war entsetzt, hatte aber mit einem schlimmen Ergebnis gerechnet, weil die Mutter sich stets geweigert hatte, mit ihm darüber zu sprechen. Sie hat das Geheimnis mit ins Grab genommen.


Margot Overath lebt im Bremer Umland, arbeitet seit 1980 fürs Radio. Sie arbeitete am Hamburger Institut für Sozialforschung über die RAF. Als freie Autorin ist sie tätig für alle Hörfunk-Anstalten der ARD. Für ihre Sendungen erhielt sie u.a. den »Feature-Preis Bremer Hörkino« 2011 und 2015 und 2016 den “Axel-Eggebrecht-Preis” für ihr Gesamtwerk.


Über das Feature „OuryJalloh – die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalls“:

  1. Januar 2005, Dessau, Sachsen-Anhalt. In einer Polizeizelle verbrennt an Händen und Füßen gefesselt der Asylbewerber OuryJalloh bei lebendigem Leib. Selbst verschuldet, sagen die einen. Ermordet, sagen die anderen. Was geschehen ist, wird nur gedeutet. Klare Beweise liegen nicht vor.

Da auch der zweite Prozess vor dem Landgericht Magdeburg keine endgültige Aufklärung zum Entstehen des Brandes bringt, knüpft die Autorin an ihre Recherche für ihr erstes Feature zum Fall Jalloh –»Verbrannt in Polizeizelle Nr. 5« – an und hinterfragt die Ermittlungsergebnisse erneut.

Mit Unterstützung von Gerichtsmedizinern, Toxikologen und Kriminalbeamten geht sie Ungereimtheiten nach und bekommt Hinweise auf einen dritten Mann. Ging es am Anfang um unterlassene Hilfeleistung des Dienstgruppenleiters, ermittelt die Staatsanwaltschaft Dessau seit 2014 gegen Unbekannt wegen Mordes.

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