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Radio-Geschichten live erleben

Marie von Kuck

Fr, 10.07.2026

Axel-Eggebrecht-Preis für Marie von Kuck

Autor*innen leben oft prekär. Offene Worte in der Dankesrede

Immer, wenn die renommierte Journalistin Marie von Kuck im Hörkino ein Feature präsentierte, waren es intensive Abende. Das Publikum spürte ihr Engagement und schätzte ihren Mut. Jetzt hat sie den Axel-Eggebrecht-Preis für ihr Lebenswerk erhalten. So verdient. Herzlichen Glückwunsch, liebe Marie! Wir veröffentlichen hier ihre Rede anlässlich der Preisverleihung in Leipzig:

Was sagt man, wenn man einen Lebenswerkpreis bekommt?

„Danke!“ – natürlich.

Normalerweise würde ich jetzt geschniegelt und gebügelt vor Ihnen stehen – in einem Kleid, über das ich mir wahrscheinlich wochenlang den Kopf zerbrochen hätte –, verlegen, aufgeregt und bemüht, die richtigen Worte zu finden.

Ich muss dabei an Herta Müller denken. Als sie den Literaturnobelpreis bekam, sah sie so erschrocken aus, als würde sie am liebsten erst einmal davonlaufen.

Ist Ihnen eigentlich schon einmal ein Preisträger davongelaufen?

Ich könnte das irgendwie verstehen.

Mal ehrlich:

Der Axel-Eggebrecht!

Ein Lebenswerkpreis!

Das ist ne Wucht.

Ich weiß gar nicht, wo ich das jetzt innerlich unterbringen soll.

Wow!

Leider kann ich heute nicht persönlich bei Ihnen sein. Ich bin gebeten worden, Ihnen nun wenigstens aus der Ferne ein paar Worte zu sagen.

Weil ich im Geschichtenerzählen besser bin als im Redenhalten, erzähle ich Ihnen lieber eine kleine Geschichte:

Vor 27 Jahren lebten wir hier, in meiner Geburtsstadt Leipzig, noch unter einer Diktatur.

Im Herbst 1989 stand dort ein pummeliges 18-jähriges Mädchen auf dem damaligen Karl-Marx-Platz, dem heutigen Augustusplatz, zwischen Tausenden Demonstrierenden und brüllte mit der Menge: „Pressefreiheit!“, „Wir sind das Volk!“ und „Stasi in den Tagebau!“

Das war ein gewaltiger Sound.

Es ging um etwas.

Jeder und jede, die dort standen, riskierten ihre Existenz – und die ihrer Angehörigen. Niemand wusste, wie das ausgehen würde. Freunde und Bekannte waren nach Demonstrationen bereits verschwunden. Wir wussten nicht, wo sie waren. Wir wussten nicht einmal, ob sie noch lebten.

Ich wünsche niemandem, jemals wieder in einer solchen Angst leben zu müssen.

Damals schien allen klar zu sein, dass Demokratie und Pressefreiheit zusammengehören. Dass das eine ohne das andere nicht existieren kann.

Die Feature-Autorin, die Sie heute ehren, hat damals nicht geahnt, dass sie einmal Journalistin werden würde – und damit Teil jener Pressefreiheit, für die sie auf die Straße gegangen war.

Trotzdem hat sie sich bei jedem neuen Feature gesagt:

Ich kann das gar nicht.

Wie erzählt man solche komplexen Geschichten, ohne das Wichtigste wegzulassen?

Das Feature-Lehrbuch lag deshalb bis zuletzt immer griffbereit. Auch nach vielen Preisen noch.

Ich spreche natürlich von mir. Und vielleicht hatte dieses geringe Selbstvertrauen auch damit zu tun, dass ich den größten Teil meines Berufslebens von dieser Arbeit nicht leben konnte.

Heute weiß ich, dass das vielen freien Journalistinnen und Journalisten so geht – und nicht nur Feature-Autorinnen und -autoren.

Nach aktuellen Erhebungen liegt ihr durchschnittliches Jahreseinkommen bei rund 21.000 Euro vor Steuern.

Noch schwieriger ist es für Investigative: Offenen Fragen nachzugehen, ohne zu wissen, ob man überhaupt Antworten finden wird und wie lange die Suche dauert –, rechnet sich wirtschaftlich nicht.

Viele Jahre habe ich von morgens bis abends gearbeitet, fast ohne freie Wochenenden, und musste trotzdem mit Hartz IV aufstocken.

Damals dachte ich: Ich bin einfach nicht gut genug.

Heute weiß ich: Das war kein persönliches Versagen.

Es ist ein systemisches Problem.

Trotzdem hat mich diese Arbeit nie losgelassen.

Weil Geschichten Macht haben.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es oft entscheidend ist, die ganze Geschichte hinter einer Schlagzeile zu kennen.

Die Wirklichkeit ist fast immer viel komplexer, größer und widersprüchlicher, als sie zunächst erscheint.

Ein Mikrofon lädt Menschen zum Erzählen ein.

Man bekommt Gedanken und Perspektiven anvertraut, die niemals vor einer Fernsehkamera ausgesprochen würden und darin liegt eine große Chance.

Jedes meiner Features hat meinen eigenen Horizont erweitert und sicher auch den vieler Hörerinnen und Hörer.

Und genau das habe ich geliebt.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gut recherchierte und erzählte Geschichten tatsächlich etwas bewirken können.

Trotzdem wollte ich aufhören.

Immer wieder.

Ich habe sogar noch einmal studiert, weil ich dachte, ich müsse endlich einen Beruf finden, von dem man leben kann. Auch meinem Kind wollte ich dieses prekäre Leben eigentlich nicht länger zumuten.

Aber dann kam die nächste Geschichte.

Und wieder eine, die unbedingt erzählt werden musste.

Es ist ein bisschen wie beim Rettungsschwimmen.

Wenn man jemanden ertrinken sieht, kann man ja auch nicht sagen: „Oh nö. Ich hab jetzt aber Feierabend.“

Man muss dann hineinspringen.

Vor einigen Jahren hatte ich es dann endlich geschafft und gehörte zu den wenigen privilegierten Feature-Autorinnen, die tatsächlich von ihrer Arbeit leben können.

Dass ich noch immer keine soziale Absicherung hatte, habe ich verdrängt.

Mein Plan war denkbar einfach:

gesund bleiben,

alt werden

und arbeiten, bis ich umfalle.

Das hat leider nicht funktioniert.

Ich bin schwer krank geworden.

Heute lebe ich von Grundsicherung.

Und nun bekomme ich einen Lebenswerkpreis.

Wie passt das zusammen?

Diese Ehrung bedeutet mir unglaublich viel.

Sie ist tröstlich.

Sie ist überwältigend.

Aber sie ist auch verwirrend.

Denn Armut macht etwas mit einem.

Sie bringt einen dazu zu glauben, man habe etwas falsch gemacht.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, diesen großen und renommierten Lebenswerkpreis zu erhalten und gleichzeitig seine Lebensmittel bei der Tafel abzuholen.

Als ich erfahren habe, dass dieser Preis mit 10.000 Euro dotiert ist, habe ich mich natürlich riesig gefreut.

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, wieder ein bisschen Boden unter die Füße zu bekommen.

Dann habe ich erfahren, dass ich das Preisgeld gar nicht behalten darf. Weil ich Grundsicherung beziehe, wird es nach den geltenden Regeln als Einkommen angerechnet.

Das war ein ziemlich absurder Moment.

Mein erster Gedanke war tatsächlich:

Dann trete ich eben von dem Preis zurück.

Dann bekommt ihn wenigstens jemand anderes – eine Kollegin oder ein Kollege, die oder der damit weiter recherchieren oder einfach seine Miete bezahlen kann.

Aber da war es leider schon zu spät.

Ich erzähle Ihnen das, weil dieser Widerspruch größer ist als meine persönliche Geschichte.

Denn wenn jemand einen Preis für sein Lebenswerk bekommt und gleichzeitig von Sozialhilfe lebt, dann erzählt das auch etwas über den Zustand eines Berufs, der für unsere Demokratie unverzichtbar ist.

Investigativer Journalismus ist kein Luxus.

Er ist keine Liebhaberei.

Er ist kein Hobby für Menschen, die ihn sich leisten können.

Er gehört zur demokratischen Infrastruktur.

Und demokratische Infrastruktur darf nicht davon abhängen, ob diejenigen, die sie tragen, dauerhaft ihre eigene Existenz riskieren.

Deshalb nehme ich diesen Preis heute nicht nur als persönliche Auszeichnung entgegen.

Sondern auch stellvertretend für all die freien Kolleginnen und Kollegen, die mit großem Können, großer Beharrlichkeit und oft unter prekären Bedingungen Geschichten recherchieren, die sonst niemand erzählen würde.

Ihnen gilt mein tief empfundener Respekt.

Und Ihnen, liebe Damen und Herren, gilt mein herzlicher Dank.

Für diese Auszeichnung.

Für Ihr Vertrauen.

Und dafür, dass Sie mit diesem Preis sagen:

Diese Arbeit zählt.

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Pressemeldung AG DOK

Preisgekrönte Feature-Autorin spricht über prekäre Honorarbedingungen. Dokumentarfilmschaffende solidarisieren sich.

Mit ihrer Dankesrede zur Verleihung des Axel-Eggebrecht-Preises für ihr Lebenswerk lenkt die Radiojournalistin Marie von Kuck den Blick auf die prekäre Lage freier Feature-Autor*innen. Die AG DOK (Berufsverband Dokumentarfilm) öffnet den Verband für Selbständige im Bereich Audio-Dok und unterstützt sie bei Verhandlungen für faire Honorarbedingungen.

„Ich nehme diesen Preis heute nicht nur als persönliche Auszeichnung entgegen. Sondern auch stellvertretend für all die freien Kolleginnen und Kollegen, die mit großem Können, großer Beharrlichkeit und oft unter prekären Bedingungen Geschichten recherchieren, die sonst niemand erzählen würde.“

Marie von Kuck ist eine Koryphäe, sie steht wie wenig Andere in Deutschland für das tiefgründige, journalistische, investigative Radio-Feature. Am 2. Juli wurde sie mit dem Axel-Eggebrecht-Preis für ihr Lebenswerk im Bereich des Radio-Features ausgezeichnet. „Das Herausstechende an der Arbeit von Marie von Kuck ist die Entscheidung für die Menschen und gegen jeden Effekt. Das macht sie zu einer Autorin des Zuhörens und ihre selbstlosen, hochherzigen Features aus“, heißt es in der Begründung der Jury.

In ihrer Dankesrede offenbart die Preisträgerin prekäre Arbeitsbedingungen: „Die Feature-Autorin, die Sie heute ehren“, sagt sie, „konnte trotz vieler Preise über die längste Zeit ihres Berufslebens von dieser Arbeit nicht leben“. „Heute weiß ich“, fährt von Kuck fort, „dass es vielen freien Journalistinnen und Journalisten so geht – und nicht nur Featureautorinnen und -autoren.“

Es ist seit langem ein offenes Geheimnis, dass freischaffende Radio-Autor:innen, die Features, aufwändige Reportagen, Podcasts oder auch Serien herstellen, ganz am Ende der Nahrungskette des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stehen. Die Honorare für selbständige Autor:innen sind zu gering, um neben den beruflichen Aufwendungen auch noch für soziale Absicherung zu sorgen oder gar etwas Vermögen aufzubauen.

Marie von Kuck lebt heute von Sozialhilfe und muss damit rechnen, dass ihr Preisgeld von 10.000 Euro als Einkommen mit der Grundsicherung verrechnet wird. Sie beschreibt in ihrer Preisrede, wie sehr die Arbeit an ihren Werken immer im Vordergrund stand und sie trotzdem wirtschaftlich selten auf einen grünen Zweig kam. Sie urteilt heute: „Das war kein persönliches Versagen. Es ist ein systemisches Problem.“

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Die AG DOK tritt für faire Honorare ein: „Was sich ändern muss“

„Die Lage der selbständigen Autor:innen für dokumentarische Fernsehproduktionen war vor zehn Jahren ganz ähnlich,“ sagt David Bernet, Ko-Vorsitzender der AG DOK. Die AG DOK ist der Berufsverband für Dokumentarfilmschaffende in Deutschland und einer der größten Berufsverbände in der Film- und TV-Branche. „Heute gibt es im öffentlich-rechtlichen System für fast alle selbständigen Autor:innen, ob für fiktionale Produktionen bei Radio und TV oder dokumentarischem TV verbindliche Regeln für Mindestvergütung. Zu den großen Ausnahmen gehören immer noch die freischaffenden dokumentarischen Audio-Autor:innen, für die Marie von Kuck heute das Wort ergriffen hat.“

Die AG DOK ist bislang ein Verband von Filmschaffenden. Seit Sommer 2026 sind nun freischaffende Audio-Autor:innen eingeladen in den Verband einzutreten, um sich unter ihrem Dach zu organisieren und mit der AG DOK die Interessenvertretung für Selbständige im Bereich des dokumentarischen Audios wahrzunehmen.

Angestoßen hat diese Neuerung eine Gruppe von Autoren und Autorinnen, die „Feature-Offensive“, die sich im Umfeld der Hans-Flesch-Gesellschaft (Gesellschaft für akustische Kunstformen) gebildet hat. Es haben bereits Sondierungsgespräche mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk stattgefunden. „Wir hoffen sehr, dass die Rundfunkanstalten die bereits begonnenen Gespräche ernst nehmen und in verbindliche Verhandlungen für faire Honorarbedingungen eintreten“, erklärt die Feature-Offensive. Das ist zu hoffen. Denn es geht nicht nur um Honorare, sondern auch um den Bestand einer journalistischen und künstlerischen Radio- und Audiokultur, die für das Funktionieren einer liberalen Demokratie von maßgeblicher Bedeutung ist.

Marie von Kuck sagt: „Wenn jemand einen Preis für sein Lebenswerk bekommt und gleichzeitig von Sozialhilfe lebt, dann erzählt das auch etwas über den Zustand eines Berufs, der für unsere Demokratie unverzichtbar ist.“

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