Sa, 11.07.2026
„Feature-Offensive“ kämpft für faire Bezahlung
Stella Luncke über Verhandlungen mit der ARD
Feature-Schaffende arbeiten zum Teil unter Mindestlohn-Niveau. Jetzt tritt eine engagierte Gruppe für Verhandlungen mit der ARD an. Unterstützung erhalten sie vom Verband der Dokumentarfilmschaffenden. Die Gründung einer neuen Gruppe AG DOK/Audio verspricht ein starkes Netzwerk – und mehr Power bei möglichen Verhandlungen mit der ARD. Ein Gespräch mit der Feature- und Hörspiel-Autorin Stella Luncke.
Was reizt Dich am Feature-Schreiben?
Mir gefällt es vor allem, anhand von individuellen Geschichten etwas über die Gesellschaft zu erzählen. Durch die intensive Auseinandersetzung mit den Protagonist*innen entstehen oft sogar Freundschaften. Außerdem mag ich sehr, wie sich im Schnitt die Einzelteile zu einem mosaikartigen Ganzen zusammenfügen.
Gibt es ein Feature von Dir, das Du besonders gerne magst?
Ja, das heißt „Wahnsinn, Familie“. (https:/hoerspielundfeature.de/wahnsinn-familie-102.html) Trotz der schwierigen und überfordernden Lage für einige Familien, ist es ein humorvolles Stück geworden. Das liegt vor allem an den sehr unterschiedlichen Protagonist*innen, die wir gefunden haben. Ich arbeite übrigens immer zusammen mit Josef Maria Schäfers, deswegen möchte ich gar nicht nur von mir reden. Der Kniff war, dass die Kinder der Familien die Sprechertexte übernommen haben, jeweils für die andere Familie. Die haben das super gemacht.
Du hast mit Mitstreiter*innen die „Feature-Offensive“ gegründet. Was war das Motiv Eurer Initiative?
Es gab in der ARD eine Art Evaluation der Feature-Sendeplätzen. Ein Team sollte darauf schauen, wie es dem Feature geht. Uns sprach eine Redakteurin an, die sagte: „Von Euch Autorinnen und Autoren ist nichts zu sehen und zu hören.“ Jetzt sei doch der Moment, dass wir etwas zu den Missständen sagen.
Ich bin im Vorstand der Hans-Flesch-Gesellschaft, einem Zusammenschluss von Hörspiel- und Featureschaffenden, und da wurden über Jahre immer wieder diese Themen angesprochen: Es gibt zu wenige Feature-Sendeplätze und die Honorare sind so mager, dass wir damit nicht mal unser Leben während der Herstellung des Manuskripts finanzieren können. Es war klar, dass wir mit der ARD ins Gespräch kommen müssen. Am Anfang war ich auch bei den Hörspielverhandlungen mit dabei. Die Autor*innen haben jetzt wesentlich bessere Vergütungen verhandelt, und an deren neu verhandeltes Modell würden wir uns gerne anlehnen.
Wir haben uns in einem kleinen Kreis gefunden. Wir sind sehr aktiv, manchmal treffen wir uns zweimal pro Woche. Mit sechs Leuten kann man sich einigermaßen spontan treffen. Wir brauchen dennoch immer auch Hilfe von anderen. Nur so können wir zu Vereinbarungen mit der ARD kommen.
Wie ist die Vereinbarung beim Hörspiel, die als Vorbild fürs Feature taugen könnte?
Beim Hörspiel bekommen die Autor*innen jetzt ein viel höheres Ersthonorar – etwa zweieinhalbfach mehr als ursprünglich. Die ARD bekommt dafür das Stück und kann nach einem ausgehandelten Punktesystem mehrmals senden. Innerhalb des ARD-Sendeverbundes können sie das Hörspiel kostenlos übernehmen, wiederholen oder für eine begrenzte Zeit online stellen. Allerdings: Wenn die gekauften Punkte abgegolten sind und die ARD-Sender weiterhin senden oder online stellen möchten, müssen sie weitere Punkte von den Autorinnen und Autoren kaufen. Das heißt, man kann sogar über das zweieinhalbfach höhere Ersthonorar hinauskommen. Diese höhere Grundvergütung bedeutet mehr Sicherheit, denn bislang konnten sich die Autorinnen und Autoren nur über zusätzliche Wiederholungen und Übernahmen finanzieren, die nie vertraglich zugesichert waren. So wie beim Hörspiel, wünschen wir es uns auch beim Feature. Wenn ein Feature nur einmal ausgestrahlt wird, müssen wir uns ständig die Frage stellen: Kann ich mir das Feature-Machen noch leisten?
Hier der Link zur Hörspiel-Vereinbarung (GVR Hörspiel):
https://vtteha.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsame-Verguetungsregel.pdf
Wie schwer ist es, als Autor*in vom Feature zu leben?
Das Ziel der Feature-Offensive ist, dass Feature-Autor*innen nicht nebenher arbeiten müssen, um ihr Leben zu finanzieren, oder ganz damit aufhören. Im Moment suchen sehr viele Autorinnen und Autoren eine neue Arbeit. Ich habe 1998 mein erstes Feature geschrieben und produziert. Eigentlich habe ich viele Jahre davon gelebt, aber das stimmt nicht ganz. Zusätzlich musste ich immer Wohngeld beantragen. Ich habe voll gearbeitet und brauchte staatliche Unterstützung. Aber irgendwie habe ich es auf diese Weise geschafft. Nebenbei habe ich auch Workshops gegeben. Seit zwei Jahren habe ich kein Feature mehr gemacht, weil ich es mir nicht mehr leisten kann. Das Leben ist viel teurer in Berlin geworden. Ich habe drei Kinder und eigentlich bin ich eher erstaunt, dass wir früher mit so wenig Geld leben konnten. Ich mache jetzt zum Beispiel einen Podcast, der ist nicht für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Da werde ich mit einem guten Stundensatz bezahlt. Ich kannte das bisher noch nicht, dass ich pro Stunde fair bezahlt werde. Aber trotzdem muss ich sagen, ich vermisse das Feature sehr. Und wenn ich es mir leisten könnte, würde ich nur Features machen.
Die „Feature-Offensive“ hat sich schon zwei Mal mit Verantwortlichen der ARD getroffen. Wie waren diese Treffen?
Beim ersten Treffen sind wir nach Köln gefahren, natürlich auf eigene Kosten. Wir waren gut vorbereitet. Wir hatten eine große Umfrage unter Feature-Macher*innen gestartet, um herauszubekommen, wie hoch ihr Arbeitsaufwand ist, für Recherche, Interviews, Töne schneiden, Pressetexte schreiben, Fotos bereitstellen etc. Das Ergebnis war auch für manche aus unserer Gruppe ganz erhellend. Viele Feature-Autorinnen und Autoren denken, dass der große Zeitaufwand daran liegt, dass man so langsam arbeitet. Andere sind halt schneller. Man schämt sich und ärgert sich, dass man nicht gewinnbringend arbeitet.
Die Umfrage zeigt, dass alle ziemlich viel Zeit fürs Manuskript benötigen und dass es Arbeitsschritte gibt, die nicht in den Verträgen stehen: Früher musste man für den Schnitt ins Studio gehen, durch den einfach Zugang zu Schnitt-Software wird heute oft verlangt, dass die Autorinnen und Autoren gut geschnittene Töne liefern, auch wenn sie das Stück nicht selbst produzieren. Das wird aber nicht bezahlt. Auch bezahlen uns die Sender nicht dafür, dass wir Pressetexte schreiben oder Materialien für Social Media liefern. Diese Argumente haben wir beim ARD-Treffen vorgetragen. Vor allem die Justiziar*innen wussten nicht, unter welchen Bedingungen wir Feature-Autorinnen und Autoren arbeiten.
Wer war von der ARD anwesend?
Zwei Justiziar*innen und drei Feature-Redakteurinnen und Redakteure. Einer der Redakteure sagte, man brauche das Feature, allerdings seien die Sendeplätze nicht reduziert worden, auf vielen von ihnen liefen moderne Podcast-Produktionen. Wir hatten nicht den Eindruck, dass er mit unseren Forderungen etwas anfangen konnte. Anders war es für die zwei Juristinnen/Juristen. Die mussten ja erst einmal erfahren, was unser Problem ist, wie wenig wir verdienen.
Unsere Umfragen unter Featuremachenden haben ergeben, dass wir 50 bis 80 Tage (manchmal auch mehr) an einem Manuskript arbeiten, bei einem üblichen Tagessatz reicht unser Honorar für 10-12 Tage. Da merkten dann auch die Justiziar*innen, dass irgendwas nicht stimmt. Wenn man 80 Tage an einem Manuskript arbeitet und rund 4.500 brutto Honorar bekommt, kann man nicht davon leben. Da aber Tarifverträge existieren, wurde uns zunächst erwidert, dass das Gespräch überflüssig wäre.
Gleich beim ersten Gespräch bei der ARD war David Bernet von der AG DOK (Verband der Dokumentarfilmschaffenden) dabei, der sehr verhandlungserfahren ist und auf die Argumente adäquat reagierte.
Ein anderes Argument von uns war, dass es weniger Übernahmen und Wiederholungen gibt, und dadurch unser Gesamthonorar einbricht.
Die ARD-Verantwortlichen hatten sich zwar mit der Zahl von Übernahmen und Wiederholungen beschäftigt, dabei aber nicht festgestellt, dass Features in den letzten Jahren weniger wiederholt oder übernommen wurden. Ihre Auswertung war jedoch nicht ganz korrekt: Wenn ein Sender dasselbe Feature zweimal ausstrahlt, zum Beispiel am Samstag und am Sonntag, dafür aber nur einmal Honorar zahlt, profitieren die Autor*innen nicht davon. Ähnlich ist es beim ARD Radiofeature: Wenn die Autorin oder der Autor zwar das dreifache Honorar erhält, das Stück aber anschließend 13 Mal in der ARD gesendet wird, geht die Rechnung ebenfalls nicht auf. Man könnte auch sagen: Die ARD-Sender können das Feature zehnmal kostenlos ausstrahlen.
Nach einem zweiten Treffen in Berlin wurde klar, dass die Gespräche nur weitergeführt werden können, wenn die Justiziar*innen ein Mandat dafür von übergeordneter Stelle bekommen. Trotzdem wurde ein drittes Gespräch mit den ARD-Verantwortlichen im August vereinbart. Nun hoffen wir, dass die Justiziarinnen/Juristen von den Intendanzen das Ja bekommen, eine angemessene Vergütung für Feature-Autorinnen und Autoren zu verhandeln.
Mit welchen Argumenten zieht Ihr nun in die Auseinandersetzung mit der ARD?
Wir bekommen schon immer zu wenig Honorar und unsere Arbeit ist schlecht bezahlt, in der Regel weit unter dem Mindestlohn. Da man nie wissen kann, ob es Wiederholungen und Übernahmen geben wird, stellt das bisherige Modell ein zu hohes finanzielles Risiko für uns dar, wir brauchen ein verlässliches Ersthonorar für unsere Arbeit.
Für Redaktionen ist es immer auch eine Verteilungsgeschichte. Wenn Features für die Redaktionen teurer werden, befürchten sie, weniger Features produzieren zu können. Seht Ihr da auch eine Gefahr?
Ob Intendantinnen/Intendanten oder Programmdirektor*innen: Die Reaktion wird sein, dass das Geld nicht da ist. Aber es gibt auch eine Rechnung, die für die Redaktionen irgendwann aufgeht. In der GVR Hörspiel, an der wir uns gerne orientieren würden, ist ein höheres Ersthonorar mit einem gewissen Umfang von Nutzungen geregelt. Das heißt, am Anfang zahlen die Sender erst mal mehr Honorar, doch in den Folgejahren dürfen sie dafür einige Male kostenlos wiederholen oder übernehmen. Langfristig wird es dadurch nicht unbedingt teurer für die Sender, aber verlässlicher für die Autorinnen und Autoren. Uns ist schon klar, dass uns niemand freiwillig eine faire Vergütung zukommen lässt. Dafür müssen wir kämpfen.
Wie kam die Verbindung zur AG DOK zustande?
Wir, die „Feature-Offensive“, sind fast alle Mitglieder der Hans-Flesch-Gesellschaft. Das ist ein gemeinnütziger Verein. Um mit der ARD zu verhandeln, brauchen wir aber einen viel größeren Verband, der uns als Berufsgruppe auch zahlenmäßig repräsentiert und dazu befugt ist, eine gemeinsame Vergütungsregel (GVR) abzuschließen. Da kann uns die AG DOK weiterhelfen.
Wenn die ARD nicht weiter mit uns sprechen würde – und das könnte passieren – könnten wir Verhandlungen einfordern oder einklagen. Wir kriegen von verschiedenen Vereinen Zuspruch. Die AG DOK war die größte und passendste Organisation, um uns bei unserem Vorhaben zu unterstützen, sie hat um die 1.000 Mitglieder. Das hat dann auch ein Gewicht. Die ARD kann nur mit einer repräsentativen Gruppe verhandeln, und die könnten wir jetzt glücklicherweise durch die Unterstützung der AG DOK werden. In der Regel sind es Dokumentarfilmer*innen, die in der AG DOK Mitglied sind. Aber es gibt dort auch Filmemacherinnen/Filmemacher, die zusätzlich Features für den Hörfunk schreiben. Die AG DOK gibt uns die Möglichkeit, Teil der Sektion Buch & Regie zu werden. Dadurch werden wir verhandlungsfähig.
Was erwartet Ihr von der Zusammenarbeit mit der AG DOK?
Die AG DOK wäre in der Lage, Gespräche mit der ARD einzufordern. Sie arbeitet mit Anwaltskanzleien zusammen. Aktuell müssen wir alles selbst bezahlen: Übernachtungen, Fahrtkosten usw. Und wir investieren viel ehrenamtliche Zeit. Das können wir uns auf Dauer nicht leisten. Über ein Pro-Bono-System bekommen wir momentan kostenlose rechtliche Beratung. Um in Verhandlungen einzutreten, bräuchten wir aber eine juristische Begleitung, die wir nicht privat bezahlen können. Die AG DOC würde uns über den gesamten Verhandlungsprozess mit Erfahrung, Lobbykraft und auch mit den nötigen finanziellen Mitteln unterstützen können. Abgesehen davon, wären wir als selbständigen Audio-Dok-Autor*innen zum ersten Mal in einem Verband organisiert und könnten so politisch anders auftreten.
Was hat die AG DOK davon, Feature-Autor*innen aufzunehmen?
Sie könnte durch unseren Beitritt alle Dokumentarschaffenden vertreten und ihre Basis so verbreitern. Wir hoffen, den Verband zu stärken und nicht nur von ihm zu profitieren.
Wie haben Feature-Autor*innen auf Eure Offensive reagiert?
Die meisten freuen sich sehr, da sie nicht länger Einzelkämpfer*innen sein möchten. In unserer schwierigen Lage war es lange überfällig, dass wir uns verbünden. Dass wir schlecht bezahlt werden, ist schon immer so, unser Zusammenschluss ist neu und hätte schon viel früher geschehen sollen.
Viele Autor*innen wünschen sich neben besseren Honoraren eine Vernetzung untereinander. Im Verteiler der AG DOK schrieb z. B. grad ein Mitglied: „Ich bin in der Türkei und meine Kamera ist kaputt. Habt Ihr eine Idee?” Es gab sofort Antworten. So etwas wäre auch toll für uns, wenn man z. B. die Frage ans Netzwerk stellen kann: „Ich muss jetzt diesen riesigen Chor aufnehmen, welche Mikrofone kann ich denn dafür benutzen? Oder hat einer welche, die er mir leihen kann?“ Oder wenn z. B. ein Redakteur sagt, er bezahlt dieses Mal nur noch 3.800 Euro: Ist das korrekt oder nicht? Wir brauchen Menschen, mit denen wir darüber reden können.
Aber die Autorinnen und Autoren haben auch Sorgen: Wenn das Doppelte oder Dreifache an Ersthonorar bezahlt würde, dürfen dann erst mal nur die Stars Feature machen, weil für mehr Leute gar kein Geld mehr da ist? Leisten sich die Redaktionen dann überhaupt noch Stücke von Anfänger*innen? Werden Features langweiliger und weniger gewagt und werden nur noch Mainstream-Themen produziert, weil die Sender damit ganz sichergehen, dass die Klickzahlen hoch sind? Aber in der Regel ist die Reaktion der Autorinnen/Autoren auf unsere Offensive eindeutig: Alle wünschen sich faire Honorare.
Was erwartet Ihr von Autor*innen? Wie können sie Eure Initiative unterstützen?
Wir haben einen großen E-Mail-Verteiler. Doch wir haben noch längst nicht alle Autorinnen und Autoren erreichen können. Wir bitten alle, die von unserer Initiative erfahren, meldet Euch bei uns. Wir wollen unseren Kreis immer weiter vergrößern.
featureoffensive@hans-flesch-gesellschaft.de
Und nicht zuletzt, die AG DOK benötigt ausreichend Mitglieder aus dem Bereich „Audio-Dok“, um für und mit uns kämpfen zu können. Also fasst Euch ein Herz und werdet Mitglied. Nur so haben wir eine Chance, dass unsere „Feature-Offensive“ Erfolg haben wird. Die AG DOK ist unsere Chance. Und uns wurde garantiert, wenn die Sektion „Audio-Dok“ nicht gegründet werden kann, weil zu wenige von uns eingetreten sind, dann bekommt man den schon bezahlten Mitgliedsbeitrag wieder zurück.
Hier der Link zur AG DOK:
https://www.agdok.de/
Darum bitten wir Autorinnen und Autoren noch im Sommer einzutreten. Bitte mit dem Vermerk „Feature-Offensive“ im Antrag. Der Mitgliedsbeitrag für Radiofeature-Autor*innen beträgt in den ersten zwei Jahren jeweils nur 192 Euro im Jahr, also 16 Euro im Monat. Einen Sondertarif, zu Anfang. Wir sind optimistisch, dass es sich lohnen wird.
Und hier direkt zum Antrag:
https://www.agdok.de/en_EN/members

