Hörkino-Archiv 2010

Wolfgang Brenner

Wolfgang Brenner

Mittwoch, 3. Februar 2010

Der Mörder ist unter uns

Ein Dorf unter Generalverdacht

Wolfgang Brenner
Saarländischer Rundfunk, 2009

Bei der Polizei treffen Bekennerbriefe für zwei Frauen-Morde ein, die vier Jahrzehnte zurückliegen – zwei Fälle, die nie gelöst wurden. Sie verweisen auf die saarländische Gemeinde Weiskirchen im Hochwald. Jeder Mann über 64 ist verdächtig. Da sich an den Briefen DNA-Spuren befinden, entschließt man sich zu einem Massen-Gentest. Diese Polizeiaktion trifft die Gemeinde wie eine Naturkatastrophe.

Die Menschen im Dorf kennen einander gut. Doch ab jetzt müssen sie damit leben, dass sich in ihrer Mitte der »Hochwald-Mörder« verbirgt. Selbst in den Familien bröckelt es. Die Frauen fürchten, jahrzehntelang an der Seite eines Mörders gelebt zu haben. Noch größer ist die Angst, dass die Familie durch den Großvater stigmatisiert werden könnte.

Wolfgang Brenner
geboren 1954 im Saarland, Journalist und Buchautor, lebt in Berlin und im Hunsrück. Schreibt Krimis, Radio-Features, Drehbücher und dreht Dokumentarfilme. Preisträger des Berliner Krimipreises »Krimifuchs« 2007. Für »Der Mörder ist unter uns. Ein Dorf unter Generalverdacht« erhielt er den Feature Preis 2009 der Stiftung Radio Basel.


Gaby Mayr

Gaby Mayr

Mittwoch, 3. März 2010

Guinea-Gold

Wie Ibourahima K. in Bremen das Glück suchte und den Tod fand

Gaby Mayr
Deutschlandfunk, Radio Bremen, 2009

Das westafrikanische Guinea-Bissau ist Drehscheibe des Drogenhandels zwischen Südamerika und Europa. Viele Jugendliche in den Sammelunterkünften für minderjährige Asylbewerber stammen aus dieser Region. In Europa versuchen sie, als »Ameisen« durch den Verkauf kleinster Drogenmengen einen Zipfel vom Glück zu erhaschen.

Ibourahima K. kam als 14-Jähriger nach Bremen, so jedenfalls steht es in seinem Asylantrag. Er wird »eingespeist« in das für Jugendliche vorgesehene Sozialsystem, aber er verweigert sich, will lieber Rastaman sein, sammelt Straftaten wie andere Jugendliche angesagte Downloads. Er enttäuscht Wohlmeinende, aber manche Entscheidungen, die über ihn getroffen werden, muten an wie aus dem Tollhaus. Nach zwei Jahren in Bremen ist Ibourahima K. tot, erhängt in seiner Gefängniszelle.

Dr. Gaby Mayr
ist in Köln geboren und studierte dort Wirtschaftswissenschaften. Sie arbeitet als freie Journalistin für Hörfunk, Print und Fernsehen. Themenschwerpunkte sind Afrika, Gender und Gewalt. Sie erhielt den »Deutsch-Französischen Journalistenpreis« sowie den »Juliane-Bartel-Preis«.


Lorenz Rollhäuser

Lorenz Rollhäuser

Mittwoch, 7. April 2010

Mutters Schatten

Kehraus im Elternhaus

Lorenz Rollhäuser
Norddeutscher Rundfunk, 2008

Das Haus still, nur der Klang meiner Schritte: Der Vater vor vier Jahren gestorben und nun auch die Mutter im Pflegeheim. Zum ersten Mal allein hier, in diesem vollgestellten Einfamilienhaus: 200 Quadratmeter, dazu Keller und Dachboden, seit Jahrzehnten nicht mehr richtig aufgeräumt. Das wird jetzt unsere Aufgabe sein. Häkeldeckchen, Schnapsgläser aus Stettin, vergilbte, blasse Fotos. Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit, eine Jugend Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre in der deutschen Provinz.

Zusammen mit meinem Bruder leere ich das Haus. Wir sortieren, verhökern und entsorgen das Leben der Eltern, ihre Geschichte, das ganze Inventar bürgerlicher Kultur, und wir beschäftigen uns bei dieser Gelegenheit noch einmal mit unserer Geschichte. Die Mutter weiß von all dem nichts. Sie wähnt sich die meiste Zeit noch immer in Münster, lebt nun tatsächlich in Berlin. Sie ist sanft geworden, zerbrechlich. Kein Grund mehr zu streiten.

Lorenz Rollhäuser
ist 1953 geboren. Er studierte in Münster Erziehungswissenschaften, war Kaffeehausbetreiber in Hamburg. Ist Buchautor und seit 1991 Autor von Radio-Features und Hörspielen, lebt in Berlin. Das Feature »Mutters Schatten« wurde als »Bestes Europäisches Radiofeature« mit dem Prix Europa 2008 ausgezeichnet.


Dr. Kai Schlüter

Dr. Kai Schlüter

Mittwoch, 5. Mai 2010

Deckname »Bolzen«

Günter Grass im Visier der Stasi

Kai Schlüter
Radio Bremen, 2009

Niemals hat sich Günter Grass mit der deutschen Teilung abgefunden. Seit dem Mauerbau 1961 verurteilte er öffentlich den DDR-Sozialismus. Zugleich bereiste er regelmäßig die DDR, las dort öffentlich und hielt intensiven Kontakt zu DDR-Schriftstellern. Für die offizielle DDR galt er als antisozialistischer Reaktionär.

In den Stasi-Unterlagen taucht Grass erstmals 1961 auf. Die Stasi versuchte, Einfluss auf seine Lesungen zu nehmen, drangsalierte seine Kontaktpersonen und verfolgte seine publizistischen und politischen Aktivitäten in der Bundesrepublik genau. Der Autor hat 2100 Seiten Stasi-Akten gesichtet und zeichnet präzise nach, wie die Geheimpolizei mit schier unglaublichem Aufwand versuchte, Grass und seine Kontaktpersonen in der DDR zu »zersetzen«. Dabei schreckte sie vor Ausweisung, Verrat und Verhaftung nicht zurück. Doch Grass ließ sich weder einschüchtern noch einspannen. Das Feature ist ein erschütterndes Dokument über den Umgang der Geheimpolizei einer Diktatur mit einem weltberühmten Vertreter des freien Worts.

Dr. Kai Schlüter
ist Redakteur des Nordwestradios (Radio Bremen/NDR) und war ARD-Hörfunkkorrespondent in Washington und London. Fünf Jahre als Feature-Redakteur haben seine Leidenschaft für die Radiodokumentation geweckt, der er gelegentlich als Autor frönt.


Marc Thörner

Marc Thörner

Mittwoch, 2. Juni 2010

Morde unter deutschem Schutz?

Die Bundeswehr und die Menschenrechtsverletzungen in ihrem afghanischen Regionalkommando

Marc Thörner
Deutschlandfunk, 2009

Der militärische Einsatz in Afghanistan dient dem Wiederaufbau, behauptet die deutsche Außenpolitik: Die Soldaten stabilisieren die Lage und schützen zivile Helfer. Doch im Einsatzgebiet der Bundeswehr vor Ort stellt sich die Lage offenbar ganz anders dar: Provinzgouverneure wie Mohammad Atta Nur und andere Warlords setzen sich immer mehr von der Zentralregierung in Kabul ab, sie bauen ihre kriminellen Geschäfte unter dem Schutz deutscher Soldaten aus und drangsalieren die Bevölkerung – insbesondere die paschtunische Minderheit.

Lassen sie deren Repräsentanten – Stammesführer und Gemeindechefs –gezielt ermorden? Dutzende von ihnen sind in den vergangenen Jahren unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Marc Thörner traf auf seiner jüngsten Reise auch mit einem Taliban-Chef zusammen, der ihm eine brisante Botschaft übermittelte.

Marc Thörner
studierte Geschichte und Islamwissenschaften. Er lebt als freier Journalist und Hörfunkautor in Hamburg. Veröffentlicht politische Hintergrundberichte über Nordafrika, die Golfstaaten und den Irak. Erhielt 2009 für sein Feature »Wir respektieren die Kultur – Über die Lage im afghanischen Norden« den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus.


Charly Kowalczyk

Charly Kowalczyk

Mittwoch, 1. September 2010

Angelika

Annäherung an ein Kinderleben

Charly Kowalczyk
Deutschlandradio Kultur, Norddeutscher Rundfunk, 2010

Als das Jugendamt Angelika mit neun aus ihrer Familie nahm, konnte sie nur unverständlich sprechen, wusste nicht, wie man mit Messer und Gabel isst, hatte weder ein eigenes Bett noch eine eigene Zahnbürste. Bei ihren Pflegeeltern beginnt Angelika zu erzählen, wie sie zu Hause eingesperrt und geschlagen wurde, wie Vater, Onkel und Bruder sie jahrelang sexuell missbrauchten.

Doch warum haben Nachbarschaft, Schule, Jugendamt so lange nichts von ihrem Leid bemerkt? Angelika ist inzwischen 19 Jahre alt und lebt in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Für das Feature begibt sich der Autor zusammen mit der jungen Frau auf Spurensuche in ihre Vergangenheit.

Charly Kowalczyk
sammelte Lebensgeschichten von Pflege- und Adoptivkindern sowie deren Eltern in drei Büchern. Er ist Hörfunk-Autor für fast alle ARD-Rundfunkanstalten und Mitglied des Bremer Medienbüros, lebt in Potsdam.


Helmut Huber & Inge Braun

Helmut Huber & Inge Braun

Mittwoch, 6. Oktober 2010

»Werd ich mit Singen deutsch?«

Ein Feature zur Einbürgerung

Inge Braun und Helmut Huber
Deutschlandradio Kultur, Rundfunk Berlin-Brandenburg, Norddeutscher Rundfunk, 2009

»Ich geh jetzt Neuköllner machen«, sagt der Bezirksbürgermeister zweimal im Monat zu seiner Sekretärin. Er hängt sich seine Amtskette um und hält eine Rede auf der Einbürgerungsfeier, die mit dem gemeinsamen Singen der Nationalhymne endet.

Es war an einem Dienstag, da wurde Herr S. Deutscher. »Ich will keine Nummer sein, eine Person will ich werden in Deutschland.« Dafür musste er seine türkische Staatsangehörigkeit aufgeben. Frau H. wartet seit Monaten. Ihr irakischer Pass ist abgelaufen. Wer als Ausländer/in Deutsche/r werden will, muss sich auf eine bürokratische Prozedur mit neuen Tests einstellen. Das Feature verfolgt den Weg von der Antragstellung bis zum feierlichen Gelübde. Im Mittelpunkt stehen die »neuen Deutschen« mit ihren Migrations- und Einbürgerungsgeschichten.

Inge Braun und Helmut Huber
arbeiten seit vielen Jahren gemeinsam an Features, Porträts und Dokumentationen mit zeitgeschichtlichem Hintergrund. Beide leben als Rundfunkjournalisten in Berlin.


Ruth Fruchtman

Ruth Fruchtman

Mittwoch, 3. November 2010

Palästina – Israel

Ein Wintermärchen

Ruth Fruchtman
Rundfunk Berlin-Brandenburg, 2009

Eine Winterreise in den Nahen Osten: Die Autorin besucht ihre Familie in West-Jerusalem, reist durch die besetzte Westbank, redet mit Palästinensern und Israelis, die noch auf Frieden hoffen. Am 27. Dezember 2008 beginnt die dreiwöchige Bombardierung des Gazastreifens durch die israelischen Streitkräfte.

Im April 2009 die zweite Reise. Vor „Gaza“ und danach.

Was ist Wahrheit?
Was ist Lüge?
Leben beide Völker in einer Glasglocke?
Ist der Frieden überhaupt erwünscht?

Zwischen zwei Welten, zwei Wirklichkeiten, kaum zwanzig Kilometer voneinander entfernt, wird die Autorin als jüdische Europäerin zerrieben. Auch deshalb ein Wintermärchen.

Ruth Fruchtman
geboren in London, lebt seit 1976 in Deutschland, seit 1987 in Berlin. Sie studierte Germanistik, arbeitet als freie Journalistin und schreibt Hörfunk-Features, vor allem über jüdisch-polnische und israelisch-palästinensische Themen. Sie ist Mitbegründerin der »Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.« in Deutschland (EJJP, European Jews for a Just Peace).


Katrin Moll

Katrin Moll

Brigitte Kirilow

Brigitte Kirilow

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Sag doch einfach »Hallo«

Oder: Speed Dating – Üben für den Ernstfall

Katrin Moll
Deutschlandradio Kultur, 2010

»Up, down, next person and keep going!« Zehn Männer und zehn Frauen zwischen 28 und 38 sitzen sich in einer Bar gegenüber. Sie haben es satt, auf ihre große Liebe zu warten: im Supermarkt um die Ecke, in der U-Bahn, im Museum. Überall. Irgendwo. Deshalb nehmen sie ihr Schicksal jetzt selbst in die Hand: beim Speed Dating.

Die Aufregung ist groß und die Ansprüche an den potenziellen Partner sind riesig. Sieben Minuten Zeit haben sie, um sich darzustellen und ihr Gegenüber auf Lebenspartnertauglichkeit zu prüfen. Faktorenanalyse: »Willst du Kinder?«, »Stehst du auf Alphatiere?« Hat der romantische Blitz, der zwei Menschen trifft, da noch eine Chance? Aber, kennen Sie jemanden, der seinen Partner beim Einkaufen kennen gelernt hat? Oder in der U-Bahn?

Katrin Moll
geboren 1973, Medienwissenschaftlerin und Tonmeisterin, lebt in Berlin. Seit 2000 tätig als freie Regisseurin, Autorin und Dramaturgin für Rundfunkanstalten. Lehraufträge an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam. Betreut die Sendung »Freispiel« bei Deutschlandradio Kultur.

Die Redakteurin des Features:
Brigitte Kirilow, geb. 1949 in Berlin, Studium der Journalistik, arbeitete freiberuflich für Printmedien und Feature-Abteilungen, seit 1992 Redakteurin bei DS-Kultur, später Deutschlandradio Kultur.

Foto Brigitte Kirilow: Eva Brunner