Helmut Kopetzky auf See

Mo, 04.11.2013

Radio in der ersten Person - Feature braucht Freiheit 2. Teil des Werkstatt-Gesprächs mit Helmut Kopetzky

Helmut Kopetzky ist ein renommierter Feature-Autor. Er hat 40 Jahre Feature-Geschichte erlebt und mitgeschrieben. Jetzt sind seine „Radiojahre“, die bisher nur im Netz zu lesen waren, als Buch erschienen. Charly Kowalczyk hat Helmut Kopetzky in Fulda getroffen.

Das Interview zum Anhören:

In seinem Werkstattbericht „Objektive Lügen – Subjektive Wahrheiten“ verteidigt Helmut Kopetzky die subjektive Weltsicht der Autoren gegen die Verfechter einer verlogenen, weil unerreichbaren Objektivität. Anekdotenreich schildert der Autor seinen Weg von der kollektiven Utopie des Jugendfunks der frühen Siebziger Jahre zum selbstbewussten Radiomacher mit Name, Adresse und Geburtsdatum in der Königsdisziplin Feature. 379 Seiten Lesestoff (Textbeispiele, Notizen und Korrespondenzen) mit 65 Abbildungen – eine Audio-Biographie aus dem Verlagshaus Monsenstein & Vannerdat.

Wie viel Freiheit bekommen Autoren von Redakteurinnen und Redakteuren? Müssen wir irgendwelche Vorgaben oder Erwartungen erfüllen? Du hast die Erwartungen eines Redakteurs in Deinem Buch schön beschrieben, anhand eines Features über Autonome.

Am Anfang fand ich den Redakteur furchtbar lästig. Es stellte sich schnell raus, dass er bei dem Thema etwas völlig anderes erwartete. Vereinfacht gesagt: Er wollte eine Abrechnung mit diesen Menschen, die sich politisch vorkommen, aber in Wirklichkeit keine Ahnung haben und das Ausleben ihrer Aggressionen nur rechtfertigen, indem sie sich ein politisches Mäntelchen umhängen. Und ich wollte denen mal zuhören und sie reden lassen.

Die erste Verabredung war mit einem vom schwarzen Block, der schon Knasterfahrung hatte, ein ziemlich radikales Leben führte und die härteste Kampfsportart betrieb, um sich beim Zusammentreffen mit den Neo-Nazis behaupten zu können. Der hat sein ganzes Leben darauf abgestellt. Ich hab mich dann konspirativ verabredet und dachte: „Mit dem musst du umgehen wie mit einem rohen Ei!“ Weil die Kneipe geschlossen hatte in Kreuzberg, haben wir uns dann bei mir zu Hause verabredet. In meinem kleinen Studio in der Knesebeckstraße. Er musste also ins Feindesland gehen, von Kreuzberg nach Charlottenburg, das war schon ein Schritt.

Ob er überhaupt kommt? Und wenn er kommt, kommt er bestimmt zwei Stunden zu spät. Von wegen. Er war fünf Minuten vor dem Termin da, hat geduldig nachgedacht über jede Antwort, bevor er sie gab. Vieles war eher gefühlt als gedacht, aber er war ein interessanter Mensch. Jemand, der keine große Schulbildung hatte, der früh aus der Schule ausgestiegen war und sich durchs Leben schlug; jemand den man ernst nehmen muss schon allein durch seine Biografie.

Aber ich konnte den Redakteur nicht überzeugen. Wir waren mehrmals nah am Abbruch unseres Projekts. Aber am Ende dachte ich doch: „Im Kern hat der Mann Recht.“ Das ganze „Mal-Zuhören-und-Reden-lassen-und-den-Autonomen-eine-Bühne-geben“ hat nicht alles gebracht, was ich mir versprochen hatte. Ich würde heute viel härtere Fragen stellen als damals und auch manche Sprechblase vor offenem Mikrophon platzen lassen. Die Auseinandersetzung mit dem Redakteur fand ich jedenfalls sehr lehrreich.

Als Autor braucht man Aufträge, um das Leben zu finanzieren. Gab es in den 40 Jahren Situationen, wo Du Erwartungen nicht erfüllen wolltest und den Auftrag wieder zurückgegeben hast?

Zwei Sachen fallen mir unmittelbar ein. Es gibt dieses Oosterschelde Sturmwehr in Holland, das damals gebaut wurde nach den Erfahrungen mit der Sturmflut von 1953. Mein Redakteur Peter Leonhard Braun sagte zu mir, das abzubilden wäre doch was – ein achtes Weltwunder. Gut, ich bin da überall rumgefahren auf diesen Baustellen und habe mit vielen Leuten geredet und schöne Töne aufgenommen, aber es war zu technisch, es fehlte an Spannung, an Emotion. Es wurde eine gute Reportage, aber ein schlechtes Feature.

Hat es Dich wirklich interessiert?

Es hat mich letzten Endes nicht so doll interessiert, es hätte mich viel mehr visuell interessiert. Wenn du alles nur beschreibst, zerfällt das in lauter Zahlen und Beschreibungen. Wie groß sind die Spezialschiffe, die sie dafür gebaut haben? 300 Meter lang und 500 Tonnen schwer, aber das bringt´s nicht. Du musst das sehen. Das war ein absolut visuelles Thema.

Und dann gab es eine andere Geschichte, die habe ich von mir aus abgebrochen. Es ging um drei jüdische Gemeinden in Deutschland. Das hätte ich ganz spannend gefunden, weil da so viele Verwerfungen waren – der Ansturm der Juden aus der Sowjetunion zum Beispiel, auf die sie sich plötzlich einstellen mussten. Bisher waren es kleine Gemeinden gewesen, religiös orientiert, und jetzt kamen die alle und sagten: „Wir sind auch Juden, wir gehören zu Euch.“ Das Problem ist bis heute nicht gelöst. Ich war schon dran, hatte gute Aufnahmen, und dann passierte es, dass das israelische Militär Teile eines Flüchtlingslagers im palästinensischen Gebiet, in Jenin, geschleift hat. Dies wurde auch als Massaker bezeichnet. Bis heute kann man darüber streiten, weil Jenin galt auch als Schwerpunkt der radikalen Hamas. Für uns aber aus der Entfernung stellte sich das als Massaker dar. Es war fürchterlich, man sah nur die zerstörten Häuser – doch mir fiel auch auf, dass im Fernsehen immer dieselben Häuser gezeigt wurden.

Jedenfalls konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich in dieser Situation diese Sendung über die jüdischen Gemeinden in Deutschland und ihre vergleichsweise kleinen Probleme mache und den aktuellen politischen Aspekt völlig ausblende. Ich habe es dem MDR so gesagt und sie haben es hingenommen.

Wir haben viele Freiheiten im öffentlichen Radio hier in Deutschland, gerade beim Hörfunk. Wir bewegen uns ja auch in einer Nische. In Berlin gab es einen Intendanten, Lothar Löwe, mit dem ich vorher nie gesprochen hatte, und ich arbeitete an Sendungen über die Friedensbewegung in verschiedenen Ländern. Ich stieg im Haus des Rundfunks in den Paternoster, Löwe zufällig dazu. „Ja, was machen Sie denn grade?“ … „Ich mache eine Reihe ‘Die Belagerung der Macht’ über die europäische Friedensbewegung“ … „Daraus wird nichts werden!“ Weg war er.

Ich in die Redaktion: „Der Löwe hat mir die Serie verboten – wegen des Titels wahrscheinlich. Im Fernsehen geht das nicht, hat er gesagt. Ich hatte gar keine Zeit zu sagen, dass ich für den Hörfunk arbeite.“ Da sind wir gemeinsam zu ihm hingegangen, haben gesagt: „Wir sind schon so weit und haben so viele Reisen schon gemacht, nach Norwegen, England, Frankreich.“ Dann sagte Löwe: „Ach so, das ist fürs Radio! Dann machen Sie das mal.“

Seitdem kenne ich den gravierenden Unterschied zwischen Fernsehen und Hörfunk.

Einen Aspekt in Deinem Buch fand ich besonders interessant: das Ende des Rundfunks in der DDR und die Neugliederung des gesamtdeutschen Rundfunks. Der Umgang mit den unterschiedlichen Biografien in beiden Teilen Deutschlands und in den Funkhäusern, die Gründung von Sachsenradio, MDR und ORB. War man neugierig aufeinander?

Vor der Wende gab es eine Gruppe, die hieß „Rundfunkautoren und -regisseure in der Neuen Gesellschaft für Literatur“, und in dieser Gruppe haben wir uns etwa alle zwei Monate mit Delegationen vom Rundfunk der DDR getroffen. Einmal bei uns im Westen und einmal „drüben“. Es war eine furchtbar komplizierte Angelegenheit, weil man u. a. für Ost-Berlin ein Sammelvisum brauchte, und da musste vorher genau eingetragen werden, wer teilnimmt.

Das war wirklich noch vor der Wende?

In den letzten drei DDR-Jahren hatten wir regelmäßig Treffen, bei denen mit offenem Visier diskutiert wurde. Wir haben uns gegenseitig Sachen vorgeführt – Fachleute unter Fachleuten, Hörspiel und Feature. Da waren viele, mit denen wir immer noch befreundet sind.

Beim „Tränenpalast“ an der Mauer wurden wir abgeholt, in den Bus verfrachtet und in die Nalepastraße gefahren. Dort angekommen, mussten wieder unsere Ausweise abgeben. Am Eingang des Rundfunks der DDR saßen drei Frauen, alle wie ich mich erinnere in Kittelschürzen, und die guckten uns kaum an. Im Hintergrund summte ein Samowar, als wäre es ihr Wohnzimmer, so schön geschmückt, und die eine nahm den Ausweis, ohne dich anzuschauen. Nach einer Weile schob sie ihn der Zweiten zu, die guckte ebenfalls drauf. Die Dritte gab dir den Pass zurück.

Unsere Diskussionen mit den Kollegen waren nie feindselig. Das Freund-Feind-Schema spielte keine große Rolle. Man hat schon darüber geredet, was in der DDR möglich war und was nicht. Feature, wie wir es verstehen, gab es dort nur in Ausnahmefällen. Feature verlangt sehr weit gehende Autorenfreiheit. Die gibt es auch nicht immer in den alten Bundesländern. Wenn ich höre, dass junge Kollegen vorher genau sagen sollen, was bei der Recherche am Ende herauskommt, dann finde ich das schlimm. Dieses Thema hatten wir auch bei unseren Ost-West-Diskussionen – kontrovers, versteht sich.

Ich habe eine Sendung darüber gemacht, wie der DDR-Rundfunk im Nullkommanix aufgelöst wurde: „Der andere Kanal“. Das Ende war vielleicht unvermeidbar, aber menschlich war das eine große Tragödie.

Was konntest Du von den Kollegen des künftigen MDR lernen?

Ich wurde oft hingeschickt von Leo Braun, damals Feature Chef beim „Sender Freies Berlin“. In der Nach-Wendezeit bin ich immer brav gefahren, wusste aber gar nicht so recht, was ich ihnen da beibringen soll. Nachher ist die Kooperation zwischen den beiden Funkhäusern entstanden, sogar ein gemeinsames Programm.

Ja, was konnte man lernen? Auf jeden Fall die Dringlichkeit von Radioprojekten. Wir hatten uns im Westen ja oft Themen zugewandt, die eher privaten Obsessionen entsprangen. Das lag zum Teil an den Redaktionen, die einen als Autor nicht genügend an die Kandarre genommen haben. Ich hätte mir manchmal mehr “Zucht” gewünscht, nicht als Verbot oder ausdrückliche Erwartung, sondern was die Relevanz eines Themas angeht. Ein gutes Feature-Thema hat eben verschiedene Schichten – historische, politische, soziologische, soziale.

Diese Dringlichkeit ist uns bei unseren Reisen in den sogenannten Ostblock überall begegnet. Durch den überstandenen Regierungsdruck waren die Gesellschaften nach 1989 gezwungen, sich dringlich-neuen Themen zuzuwenden. Auch das Radio. Also vorerst keine bloßen Spielsachen. Dadurch habe ich auch meine eigenen Themen-Vorschläge überprüft: „Muss das unbedingt sein?“ Es geht mir heute noch so. Ich möchte wieder thematisch dorthin kommen, wo es wichtig ist.

Ansonsten war die Herstellung von Sendungen hier und dort nicht besonders verschieden. Die hatten andere Begriffe, manche klangen nur anders – wie „cutten“ und „köttern“. Wenn es politisch nicht weiter ging, konnten wir eine Weile über die Studio-Arbeit reden, über den Umbruch der analogen zur digitalen Technik. Das war zu der Zeit ein großes Thema, weil das nicht überall so glatt ging. Da waren Audiofiles plötzlich verschwunden, die eben noch auf dem Schirm gewesen waren. Diese ersten digitalen Geräte konnten auch die Techniker zur Weißglut bringen – in Ost und West.

Als ich anfangs bei Radio Bremen meine Töne schneiden ließ, gab es Tontechniker, die den Übergang zur digitaler Technik gehasst haben.

Warum sollte man das hassen? Das ist die Entwicklung. Ich kann für meine Frau Heidrun und mich in Anspruch nehmen, dass wir zu den ersten freien Autoren gehörten, die ab 1995 digital produzierten, von der Aufnahme bis zur fertigen Sendung. Weil wir uns gesagt haben, das kommt sowieso. Man muss die neue Technik nicht lieben, darf sie aber einfach benutzen.

Wie hat sich das Feature durch die Technik verändert? Kannst Du beschreiben, wie die Technik auch den Inhalt eines Stückes beeinflusst?

Sie hat mir mehr Freiheiten gegeben - leider auch von meiner Frau. Als wir zusammen analog produziert haben, saßen wir immer zusammen, jeden Tag acht, neun, manchmal zehn Stunden. Heidrun an fünf Zuspielmaschinen war auf ihrer Klaviatur wirklich brillant, so dass man mehrere Strecken hintereinander wegmischen konnte, ohne anzuhalten oder Stückwerk aneinander zu kleben. Heute macht es keinen Sinn, zu zweit vor dem Bildschirm zu hocken. „Es“ denkt in Dir und die Finger setzen es um, und da musst du nicht zwischendurch erklären, warum deine Finger am Regler diese oder jene Bewegung machen. Wobei Heidrun dann eine andere Funktion übernahm. Sie hat mehr recherchiert. Für mich ist das Schneiden der Töne einfacher geworden, und damit kann ich meinen Gedanken am Mischpult zügiger folgen. Das hat mir von Anfang an sehr gefallen. Die tradierte Zusammenarbeit im Studio fiel natürlich weg. Es kann fördern aber auch hemmen, wenn du mit einer größeren Gruppe von Menschen in einem Raum arbeitest.

Fällt dadurch auch ein Stück Korrektur weg?

Das habe ich oft gehört, sehe es aber nicht so. Man muss sich die Korrektur-Möglichkeiten anders organisieren. Ich habe öfter so halbfertige Sachen, die ich Kollegen oder Freunden vorspiele, um sie zu fragen: „Was hältst Du davon? Hast Du alles verstanden?“ Manche O-Töne sind auch im Dialekt oder genuschelt. Ich selbst weiß ja, was die Betreffenden sagen, ich hab es x-mal gehört und aufgeschrieben, aber andere verstehen das vielleicht nicht. In der Regel ist Heidrun die Erste, die es zu hören bekommt. Sie hat eine Art, die Augen leicht zu rollen oder zum Schlitz zusammenzuziehen, und dann weiß ich sofort was da falsch läuft. Längere Passagen führt man auch befreundeten Kollegen vor oder verschickt halbfertige Sendungen oder Manuskripte. Die Kritik darf deutlich ausfallen. Freunde schulden das einander.

Oft heißt es heute: „Du bist ja jetzt so einsam, ist das nicht furchtbar? Immer allein vor deinem Bildschirm.“ Du lieber Gott, man lebt doch nicht nur vor der Mattscheibe. Wenn ich Gesellschaft nötig hätte und dafür ins Studio gehen müsste – das wäre ja traurig. Aber es stimmt schon: Ich brauche diese freundschaftliche Korrektur-Instanz. Man verrennt sich leicht allein. Am Anfang war das Digitale einfach zu verlockend. Du kannst die fertige Sendung an jeder Stelle verbessern - Schnitte, Übergänge, Lautstärken. Im Analogzeitalter hat die Band-Qualität gelitten, je öfter du nachgebessert hast. Bei der digitalen Technik gibt es keine Qualitätsverluste. Du kannst hundertmal über die gleiche Stelle polieren.

Doch auch schon bei den Aufnahmen hat sich die Situation für Autorinnen und Autoren verändert. Kleine Geräte, weniger Gepäck, mehr Speicherkapazität…

Manche glauben, dass die Technik inzwischen so gut sei, dass sie alles alleine macht. Ja, die Aufnahmegeräte werden immer kleiner und man nimmt inzwischen schon mit dem Mikrofon auf, meistens in Mono. Viele Kollegen interessiert Stereo überhaupt nicht mehr. Das sind die Leute, die so kleine Reportagen machen, „Audio-Clips“ für den raschen Verbrauch. Die haben nur ein Mikrofon in der Hand, sonst gar nichts. Sie können sogar in dem Mikrofon schneiden und schicken die geschnittenen Töne per Interface und Telefonleitung direkt in die betreffende Redaktion. Die könnte das im Prinzip sofort senden.

Aber?

… Aber unser Hausvorteil beim Feature ist der Autor, der seine Arbeit liebt; der sich mit Themen beschäftigt, die ihm am Herzen liegen. Dazu gehört auch die Akustik. In dieser Hinsicht müssen wir uns schon unterscheiden von anderen Sendungen. Akustik spricht ja auch, sagt etwas aus, hat ästhetische Reize. Ich muss mich wohlfühlen beim Zuhören. Oder ein Hörstück wühlt mich auf. Das heißt, wir müssen im akustischen Gesamteindruck sehr viel besser sein als jeder aktuelle Berichterstatter.

Maßstab sind Hörgewohnheiten der Menschen, die ihre Ohren durch kommerzielle Produkte der Audio-Industrie mehr und mehr geschärft haben. Gerade Musikproduktionen haben ein Maß an Perfektion erreicht, das kaum zu überbieten ist. Dagegen sind unsere eigenen Aufnahmen manchmal grauenvoll schlecht. Wir sollten die Qualität der Originaltöne und der im Studio aufgenommenen Sprechertexte so anzugleichen lernen, dass daraus eine einzige durchgehende Radio-Erzählung entsteht. Das heißt: Nähe, Stereo-Balance, Vermeidung von Störgeräuschen, ständige Kontrolle durch Kopfhörer, die Auswahl der geeigneten Mikrophone und Speichermedien. Handwerk eben.

Was kann Feature, was nur dieses Genre kann? Was spricht für die lange Form im Radio?

Menschen erzählen mir etwas – Wörter, Inhalte, nicht bits und bytes, die du im Netz nur runterholen musst per Mausklick. Es sind menschliche Stimmen, die zu mir reden – von ihren eigenen Gedanken und Wahrnehmungen. Eine Stimme im Radio muss kompetent sein, sie muss intelligent sein, sie muss auf spezielle Weise interessant sein, und dann höre ich ihr gerne zu. Erzählen braucht auch einen ruhigen Verlauf, das heißt, ich kann nicht alles im Tempo eines Fußball-Reporters herunterleiern, sondern ich muss mich mit meiner Erzählung dem Thema anpassen – sei es mit eigener Stimme oder mit Hilfe eines sprachgewandten Profisprechers.

Bei Seminaren spiele ich eine Aufnahme vor, die ich vor Jahren in einer Damaszener Teestube gemacht habe – mit einem Märchenerzähler. Der macht nichts anderes, als Geschichten zu erzählen, die die Leute schon hundertmal gehört haben. Trotzdem merkst Du, mit welcher Spannung sie dabei sind, wenn von etwas Schrecklichem die Rede ist; wie sie alle aufstöhnen. Und hat der Held endlich gesiegt, wird es laut und fröhlich in dem Lokal. Dann kommt als Sahnehäubchen noch ein kleines Lied, in das alle einstimmen.

Und wie soll es weitergehen mit dem Radio?

Wir sind eine Minderheit – genauso wie Leute, die Lyrik mögen oder in klassische Konzerte gehen. Eine Gesellschaft besteht aus vielen Minderheiten. Und wenn man allen sagen würde, das braucht man nicht mehr, ihr seid zu wenige –– dann könnten wir unsere Kultur ganz einpacken. Wir brauchten keine Bücher mehr, Theater brauchten wir dann auch nicht, alles liefe im Fernsehen und im Multiplex-Kino in 3D.

Man kann das nicht in Quoten messen. Das Feature ist immer Minderheiten-Programm gewesen. Ernst Schnabel – er war ein deutscher Schriftsteller und Pionier des Radios - hat schon ganz früh, in den 60er Jahren oder Ende der 50er sinngemäß gesagt: „Ihr könnt doch froh sein, dass wir die Mehrheit nicht immer bedienen müssen; dass alles, was wir machen, nicht mehrheitskompatibel sein muss; dass wir uns ein Publikum vorstellen, mit dem wir auf einem gewissen geistigen Niveau kommunizieren können.“

Allerdings – das ist nun wirklich meine Privatmeinung: Jungen Hörernachwuchs mit viel Techno und Bum-Bum für unsere Feature-Programme zu gewinnen, stößt hoffnungslos ins Leere. Ich erfahre durch meinen Sohn und dessen Facebook-Freunde: Die hören keine Kultur Programme mehr. Viele wissen ja nicht einmal, was das Wort „Radio“ bedeutet.

Hier in Fulda wollte eine Schule, dass ich etwas übers Radio erzähle. Ich habe Beispiele ausgewählt, die gleichzeitig mit der deutschen Geschichte zu tun hatten – vom ersten Weltkrieg bis zu den Russlanddeutschen in einem bestimmten Stadtviertel, wo es vor kurzem noch große Probleme gab. „Unsere Russen“ hieß das Stück. Kurz gesagt – Radio dieser Art konnten sie sich gar nicht vorstellen. Nie so was gehört. Es waren immerhin Sechzehn-, Siebzehnjährige im Gymnasium!

Ich erlebe schon, dass es einen Kreis von jungen Leuten gibt, die durch Internet, durch Podcasting von Sendungen hören, die sie interessieren. Und diese Feature laden sie runter und hören sie an.

Gut, ich will nicht zu sehr schwarz malen. Dass man mit Radio Jugendliche überhaupt nicht erreichen kann, ist eher eine traurig stimmende Vermutung. Nur sind unsere Kulturprogramme viel zu hermetisch, zu selbstverliebt. Die Schwelle schaffen schon viele Erwachsene nicht.

Du hast viel mit Deiner Frau Heidrun zusammengearbeitet. Habt Ihr überlegt, als Autorenduo gemeinsam Feature zu machen?

Da hatten wir „klare Verhältnisse“. Nie Konkurrenz. Wir haben ja immer zusammen gearbeitet. Heidrun ist als Mit-Autorin mehrfach erwähnt worden, zum Beispiel bei den HR-Radiotagen. Aber im Grunde hatte ich die Autorenrolle. Früher war Heidrun neben der täglichen Studioarbeit viel in Bibliotheken unterwegs, hat Bücher und anderes Material zu den jeweiligen Themen nach Hause geschleppt. Das liefert uns jetzt hauptsächlich das Netz. Das ist schon fantastisch, wirklich, wenn man damit umgehen kann – mit der nötigen Vorsicht.

Würdest Du wieder Feature-Autor werden wollen, mit den Möglichkeiten, die es heute gibt, aber auch mit der Konkurrenz und den weniger werdenden Sendeplätzen?

Nein, das würde ich heute nicht mehr machen – nicht hauptberuflich. Als jemand, der bei Null anfängt —- auf keinen Fall. Davon zu leben, so wie wir es 40 Jahre lang gemacht haben, ist heute fast nicht mehr für möglich.

Um heute als Feature Autor überleben zu können, muss man ein Feature nach dem anderen machen. Alles wird enger: Koproduktionen, Übernahmen, Sendeplätze. Widerspricht das nicht der Idee, dass man als Autor für ein Feature mehr Zeit, mehr Experimente braucht, um den anderen Blick auf ein Thema zu haben?

Da müsste man schon einen starken Charakter haben und sehr viel Begeisterung. Unmöglich ist das nicht. Und alles, was möglich ist, und was man machen muss, muss man unbedingt auch machen. Meine Frau und ich beziehen jetzt beide unsere Rente, von der wir leben können, und wir müssten nicht mehr arbeiten. Insofern kann ich die Frage nicht für andere beantworten. Ich würde mir wünschen, dass junge begeisterte Radioleute, die Feuer gefangen haben, auch wirklich dran bleiben. Sie werden nicht allein davon leben können. Aber viele berühmte Autoren haben vorgemacht, wie es dennoch geht - Camus war Korrektor in einem Verlag, Joyce hat italienischen Sprachunterricht gegeben, um seine Bücher schreiben zu können. Das wäre auch heute eine realistische Kombination.

Kannst Du denn vom Feature lassen?

Nee, Du siehst es ja, dass ich wieder angefangen habe. Eigentlich hab ich die Schnauze voll, aber das ist falsch gesagt - man wird ein bisschen müde mit der Zeit. Eine aufwändige Recherche-Sache mit anstrengenden Reisen würde ich nicht mehr anpacken. Ich dachte immer, eines Tages weiß man, wie es läuft, und dann hat man weniger und weniger zu tun. Bei mir ist der Aufwand – vielleicht auch der Anspruch – immer größer geworden. Das ist nicht gut, und das bekommt einem auch nicht. Aber – nee, aufhören geht nicht. Dann ist man eigentlich tot.

40 Jahre Radio heißt auch ganz viel hören. Merkst Du, dass die Hörfähigkeit abnimmt, was vielleicht dem Alter geschuldet ist?

Na klar, das ist ein Alterungsprozess. Das finde ich bei Gleichaltrigen fast überall. Die höheren Frequenzen höre ich von Jahr zu Jahr schwächer. Es gibt Dinge, die ich überhaupt nicht mehr höre, eine bestimmte Art von Zikaden zum Beispiel. Dann muss ich Heidrun fragen: „Hörst Du da etwas? Oder rauscht diese Aufnahme? Hör doch mal rein!“ Man fängt als junger Mensch bei etwa 20.000 Hertz an, und in meiner Altersgruppe sind nicht mehr als 7.000 Hertz übriggeblieben. Deshalb bin ich froh, dass ich bei dem neuen Stück über den Ersten Weltkrieg weniger auf Akustik baue als auf Inhalte; auf das, was Menschen sagen. Bei manchen Tönen aus unserem Archiv schwärme ich: „Wie schön!“ Und Heidi sagt: „Das rauscht wie Hechtsuppe!“

Das ist der natürliche Gang der Dinge. Und das geht in Ordnung.

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