Jörn Klare mit dem Anführer und der Gang
Ex-„General-Butt-Naked“ Joshua Milton Blahyi
Joshua Milton Blahyi
Joshua Milton Blahyi  und Wilson
Ex-Kindersoldat und Ex-Gang-Leader Wilson
West Point
Frauen aus West Point
Macintosh Johnson
Macintosh Johnson, Strand von West Point
Frau mit Kind in West Point
West Point
West Point bei Nacht
West-Point

Sa, 23.08.2014

“Darf man fragen, wie das Herz eines Menschen schmeckt?”

Ein Gespräch mit dem Autor Jörn Klare über die Gefahren in gefährdeten Regionen

Für seine Feature reist er immer wieder in die entlegensten Winkel der Welt. Reportagen aus mehr als 30 Ländern sind dabei entstanden. Was treibt den Autor – Abenteuerlust, Neugier, Menschenliebe?

Das Interview zum Anhören:

Du machst ja oft Stücke aus fernen Ländern oder Regionen, die man hierzulande weniger kennt. Transnistrien, Moldawien, jetzt Liberia. Reizt Dich das einfach dorthin zu fahren oder wie kommst Du zu den Themen?

Ja, das reizt mich, und ich arbeite immer am liebsten in Ländern, in denen ich noch nicht war. Ich erlebe es als Privileg, nicht spezialisiert zu sein. Mittlerweile war ich ja schon in recht vielen Ländern, so dass viele Wünsche abgehakt sind. In den letzten Jahren ist es mittlerweile so, dass ich höre, es gibt einen Kontakt in ein Land und das könnte eine spannende Geschichte sein. Ich habe mehrere gute Freunde, die Entwicklungshelfer sind. Einer erzählt mir: „Ich war in Liberia und ich hab da einen Typen getroffen, der hat mich in eines der schlimmsten Slums von Westafrika geführt.“ Als Journalist denkt man natürlich: Boooh, das ist eine Geschichte und das will ich auch sehen.

Ich glaube nicht, dass die meisten Autoren sagen, da will ich hin, sondern eher: ganz schön gefährlich…

Ich hab es ja so kennengelernt, dass der Freund mir sagte, er hätte jemanden, der ihn da reingeführt hat. Und ich vertrau diesem Freund sehr, der will ja auch wiederkommen - der ist nicht doof, und wenn der mir das empfiehlt, kann ich mich darauf verlassen. Also sind die Gefahren schon mal überschaubar. Ich bekam die Adresse von Macintosh und dann ist man in Liberia, ruft an und wenn er dann nicht abnimmt, das ist immer so ein Risiko. Ich weiß, dass ich dann nicht mit der Sendung wiederkomme, für die ich auch einen Teil der Reisekosten bekommen habe. Aber ich hatte immer Leute dabei, denen ich vertraut habe, die mir auch vertraut haben, und wenn die gesagt haben, da gehen wir nicht hin, dann bin ich auch nicht hingegangen. Und ich habe dann auch nicht gedrängt.

Heißt das, Du warst immer in Begleitung von Leuten, die sich auskennen?

In Afghanistan hatte ich immer Begleitung. Da gibt´s auch so witzige Geschichten. Wir waren da in Rustak, ganz im Norden Afghanistans, da war diese Nordallianz, in einem relativ langweiligen Dorf. Aber diese NGO, Terre des Hommes Lausanne, hatten da ein gutes Projekt für Kinder und die hatten mehrere Häuser mit hohen Mauern drum herum. Und ich sagte beiläufig, dass ich mal hoch aufs Dach gehe, um einen Überblick zu kriegen. Da hatten alle Panik in den Augen: „Wenn Du hoch aufs Dach gehst, dann erschießt Dich der Nachbar, weil er denkt, dass Du nur die Frauen jenseits der Mauern anschauen willst.“ In solchen Regionen, in denen ich mich nicht auskenne, da muss ich mich auf Leute verlassen, die sich auskennen. Bisher ist es gut gegangen.

Als Du jetzt in Monrovia den Slum gesehen hast. Was hast Du vorgefunden?

Viele Menschen, war irre voll, irres Gedränge. Ich hab meinen Führer Macintosh Johnson gebeten, für mich zu übersetzen. Ich habe mich sehr auf diesen Macintosh verlassen und bin ihm gefolgt. Und Macintosh hatte einen besonderen Status in dem Slum, arbeitete für eine Nichtregierungsorganisation, wurde aber auch von den Gangs akzeptiert, so dass wir überall hin konnten. Ich habe da zum Glück meinen Humor nicht verloren, aber das war ein Haufen von Gangstern, Mördern, mit denen ich ein Interview gemacht habe. Der eine bietet mir Crack an, es stellte sich heraus, das war ein Scheinangebot – er wollte gar nicht sein Crack mit mir teilen, sondern gab mit seine Telefonnummer: „Wenn Du 50 oder 100 Mann brauchst, dann sagst Du Bescheid, Du bist hier immer sicher.“

Natürlich hat man als Weißer einen besonderen Status, wenn man sich da rein traut. Ich hab diese Leute, die ich interviewt habe, respektiert. Das hat ihm wahrscheinlich gefallen. Sie konnten sich ein wenig selbst darstellen und dann entstand so eine Ebene, wo man miteinander klarkommt. Ich verstehe es oft auch nicht, warum immer alles so gut geht.

Gab es da Augenblicke, wo Du schon den Eindruck hattest, Du müsstest Dich jetzt mit Deinem Begleiter aus dem Staub machen oder konntest Du das immer steuern?

Diese Sache war schon nicht ohne. Die Gang-Mitglieder wollten in einem sehr kleinen Raum mit mir sprechen, und ich sah Macintosh nicht mehr, den haben sie rausgedrängt, die wollten alle mich sehen. Es gab tatsächlich auf dieser Reise noch eine ganz andere Situation, wie ich sie selten hatte, in der ich mich unsicher gefühlt habe. Ich habe jemanden ohne Zwischenkontakte über Facebook kennen gelernt, einen Mann, Joshua Milton Blayi. Er ist Pastor einer evangelikalen Gemeinde, der bis 1996 in Monrovia vor allem unter dem Namen “General Bad Naked” war, weil er einer der schlimmsten Warlords überhaupt war. Bad Naked hieß er, weil er immer nackt gekämpft hat.

Er war ein Priester der schwarzen Magie, er hat jede Menge Kinder geopfert, um deren Herzen zu verspeisen, das gehörte zur schwarzen Magie dazu. Er war so, wie man sich einen Teufel vorstellt. Ich hatte auch schon mit Leuten vorher darüber gesprochen, die gegen ihn gekämpft hatten. Sie hatten Angst, wenn ich über ihn sprach oder hatten allergrößten Respekt. Er sagte dann auch, ruf doch an, wenn du da bist und er schlug vor, zu einer bestimmten Uhrzeit an einen bestimmten Ort zu kommen.

Allein  ?

Ja allein. Er hat mit mir den Deal gemacht, ich besorge den Taxifahrer und wenn ich ihn habe, dann sagst Du dem wohin. In Monrovia sucht man nicht einfach irgendeinen Taxifahrer, sondern man lässt sich einen empfehlen. Ich hatte immer zwei Telefonnummern von Fahrern, die mich abgeholt haben und der Fahrer sagt: „Da fahre ich nicht hin, weil das ein anderer Slum ist.“ Das haben wir dann über das Geld geregelt. Dann traf ich Joshua Milton Blayi: ein kräftiger Typ, relativ jung für die Geschichte, die er hat, Anfang 40, der erinnerte mich von der Figur her an George Foreman, wie so ein fetter ehemaliger Schwergewichtsboxer. Dann haben wir den Taxifahrer verabschiedet und ich wusste: Jetzt bin ich in seiner Hand, aber ich hatte ein gutes Gefühl zu dem. So ein Vertrauen, das man hat oder nicht. Ich wäre nicht bei jedem ausgestiegen, sicher nicht. Er sagte: „Wenn Du in Monrovia was haben willst, hier kriegst Du alles.“

Wir fuhren zusammen zu einem Projekt raus aus Monrovia, wir haben uns unterhalten, ich fand den ganz sympathisch, ich mochte ihn. Fast schon im Busch gab es eine Baustelle, wo drei, vier junge Männer arbeiteten. Joshua nannte sie „meine Boys“, ehemalige Kindersoldaten aus dem Bürgerkrieg, die jetzt Anfangs 30 waren, die hatten mit 14, 15, 16 angefangen zu kämpfen. „Sie habe alle gegen mich gekämpft“, sagte Joshua. Und dann habe ich mich mit Milton unterhalten. Milton hat alles erlebt. Er hat mir erzählt, wie das Herz eines Menschen schmeckt, weil er es gegessen hat, um sich zu motivieren. Weil er an den Zauber glaubte, dass er damit überleben kann in den Kämpfen, die er durchstehen musste. Ein hammerhartes Interview. Was passiert hier? Was nehme ich hier auf? Darf man fragen, wie das Herz eines Menschen schmeckt? Ich weiß es auch heute noch nicht, habe es aber gefragt. Es ist dann einfach die Neugierde, die mich treibt.

Und die Antwort?

Die Antwort war, dass es irre viel Energie gibt. Er erzählte, da war eine Stellung, die hätten sie 14 Tage nicht einnehmen können. „Erst nachdem wir die Frau aufgeschnitten haben, das Herz gegessen haben, hatten wir in vier Stunden das Dorf erobert.“

Joshua erzählte mir, dass Milton einer der gefürchtetsten Gang-Führer von ganz Monrovia war. Und dann fragte ich, wie weit ist er auf seinem Prozess, ein friedlicher Mensch zu werden? Das war ja Joshuas Projekt - der holte die ehemaligen Kindersoldaten aus den Slums und versuchte denen eine Perspektive zu geben. Joshua hatte das berechtigte Gefühl, irgendetwas wieder gutmachen zu müssen.

Milton hat vermutlich viele Feinde. Ist das nicht gefährlich, wenn Du Dich mit ihm triffst? Es gibt doch vermutlich Leute, die versuchen ihn zu vergiften, zu ermorden - da muss doch auch Hass sein?

Joshua, der Warlord, der mit seinen Kindersoldaten für den Tod von 20.000 Menschen verantwortlich war, der war gefährdet. Da rechnet man ein bisschen statistisch, warum soll es gerade passieren, wenn ich dabei bin? Und wenn es passiert, vielleicht können sie differenzieren, wer General Bad Naked ist und wer der weiße Journalist. Das ist ein gewisses Risiko, das hielt ich für überschaubar. Er hat erzählt, dass eine Frau ihm vergiftete Milch nach Hause geschickt hat. Dann hat sie Angst bekommen, hat ihn zwei Tage später angerufen und gebeichtet, nur weil sie wollte, dass den sechs Kindern, mit denen Joshua zusammenlebt, nichts passierte. Er war ziemlich resolut: „Wenn es passiert, dann passiert es. Ich weiß, dass ich in den Himmel komme.“ Irre, so was zu sagen, mit der Geschichte. Das fand ich beeindruckend.

Aber ich muss echt sagen, in diesen Ländern, in denen ich so reise, habe ich am meisten Angst im Straßenverkehr. Wenn man so einen bescheuerten Busfahrer hat, da muss nur eine Kleinigkeit schief gehen, dann liegt der Bus quer. Ich hatte mal einen ganz schlimmen Unfall in Indien, der steckt mir noch in den Knochen. Da bin ich nervös. Gar nicht so mit Menschen, weil ich da meinem Gefühl vertrauen kann. Aber im Straßenverkehr bin ich so einem idiotischen Busfahrer ausgeliefert.

Du vertraust fremden Menschen?

Es ist das Vertrauen in meine Menschenkenntnis. Bisher ist es gut gegangen. Ich hab eine Frau, ich hab zwei Kinder, also ich will auch wieder zurückkommen. Ich nehme das schon ernst. Es war witzig mit Joshua, wir sind uns relativ nah gekommen. Wir waren viel unterwegs, ich war bei ihm zu Hause, wir haben Schach gespielt, ich habe ein Nickerchen gemacht, ich konnte ihn alles fragen, wir waren nachts schwimmen. Ich hatte einen guten Draht zu ihm, der mich heute noch irritiert. Er hat mir immer gesagt: „Das erste Treffen, Jörn, zu dem ich Dich in diesen Slum bestellt habe, das war ein Test. Ich wollte wissen, ob Dir das wichtig ist, dass Du mich triffst. Und dann hab ich gesehen, er traut sich dahinzukommen und dann hab ich gesagt, okay, dann ist er jetzt mein Gast und ich pass auf den auf.“ Ich wusste gar nicht wie gefährlich die Gegend ist. Ich war naiv.

Wenn Joshua oder Milton Dir Geschichten erzählen, weißt Du vermutlich nicht, ob sie wahr sind. Wie sicherst Du Deine Geschichten ab?

Das ist schwieriger als in Europa. Ich lasse mir das erst einmal alles erzählen, vertraue ein bisschen meinem Gefühl, was ich über die Kontexte weiß, von dem Krieg, über den erzählt wird, von dem Land, von dem erzählt wird. Sachen, die mir unglaubwürdig erscheinen und die ich nicht verifizieren kann, glaube ich vielleicht, die würde ich aber nie in die Sendung reinnehmen. Man kann nicht alles verifizieren. Aber ich habe mit vielen Leuten über Joshua geredet, hab mir Geschichten erzählen lassen - man kann es dann einschätzen. Aber ich würde tatsächlich nicht für jedes Detail die Hand ins Feuer legen. Aber man trifft ja auch in Deutschland Selbstdarsteller. Auf eine Art mag ich das Radio schon, also es ist O-Ton, er erzählt die Geschichte. Wenn ich mir nicht 100-prozentig sicher bin, dann transportiere ich meine distanzierte Haltung.

Welche Geschichte wolltest Du aus Liberia erzählen?

Wie Leute da leben, wie geht das? Wie kann man in solcher Situation überleben und aufrecht gehen? Das ist eine Grundfrage: Wie ticken eigentlich Leute woanders oder in ganz anderen Zusammenhängen? Es ist eher so eine anthropologische Neugier. Was für Werte haben die? War für einen Wertekanon? Wie kann man in so einem Slum leben, indem es keine Sicherheit gibt, in dem es für 100.000 Menschen keine richtige Toilette gibt, indem ein Großteil der Menschen traumatisiert ist, weil die alle Kriegserfahrung erlebt haben als Opfer, als Täter, oder beides.

Du erfährst viel über rohe Gewalt. Wie verarbeitest Du selbst diese Geschichten, damit sie Dich nicht quälen? Kannst Du schlafen, wenn Dir jemand erzählt, das Herz von Kindern wurden aufgegessen?

Ich bin da meistens scheiße professionell. Ich achte darauf, ob das Interview richtig ausgepegelt ist. Ich sammele erst einmal, das heißt, ich lasse bestimmte Sachen nicht wirklich an mich ran. Also ich glaube ich kann mich gut schützen. Bei bestimmten Sachen geht so eine Rollade runter, das geht in meine Ohren, aber es geht nicht viel weiter. Das jetzt in Liberia mit Joshua, natürlich, das war eine Herausforderung. Zu wissen, er hat viele Kinder getötet - und ich habe Kinder. Er hat auch Kinder, das war ganz interessant das zu sehen, das war schwierig. Das ist eine Horrorgeschichte, die man hört, aber ich weigere mich, das mit Bildern zu verknüpfen. Joshua hat zum ersten Mal ein Kind geopfert, als er selbst elf Jahre alt war. Er wurde als Priester der schwarzen Magie inkarniert. Es ist keine Entschuldigung, aber sein Stamm glaubte nur mit dieser schwarzen Magie überleben zu können. Er ist in einer Welt aufgewachsen, die mir sehr, sehr fremd ist. Ich habe mal mit einem Autor geredet, der häufig im Irak und in Afghanistan gewesen ist. Wenn er dort ist, hat er keine Angst, aber wenn er transkribiert kommen Bilder, die er gar nicht haben will - weil er allein mit den Kopfhörern an einem sicheren Ort sitzt und den Bildern in seinem Kopf nicht ausweichen kann. Ich hasse es zu transkribieren und wenn ich transkribiere denke ich vor allem: Ich hasse es zu transkribieren. Ich habe gestern das erste Mal mein Feature über den Slum in Monrovia gehört. Das ist auch schon vier, fünf Monate her, seit ich da war. Und ich hab mir das angehört und es war schön produziert. Ich habe heute Nacht noch eine Mail geschrieben an alle, an die Technik, an den Toningenieur und mich einfach mal bedankt. Weil mir beim Hören noch mal klar wurde, wie ich durch diesen Slum gelaufen bin und immer dachte: Hoffentlich kriege ich meinen Recorder hier wieder raus. Da rutscht mir schon das Herz in die Hose. Und gleichzeitig dachte ich: Oh Mann, das sind auch gute Aufnahmen. Danke an die Regie, Danke an die Technik, dass sie das Material, was ich mir da zusammengeschwitzt habe, gut eingesetzt haben. Und Danke an den Sprecher und die Regie, dass die meinen Text so verstanden haben, wie der gemeint ist. Da war ich froh. Das hat sich gelohnt.

Was sagt eigentlich Deine Frau, wenn Du Dich in solche Gefahren begibst?

So halb, so halb. Sie vertraut mir sehr, was super ist. Einmal war ich in Kaschmir, das ist auch ein latentes Bürgerkriegsgebiet. Es war heikel, die Spannung war zu spüren und da kamen wir abends in Srinagar an. Man hörte immer wieder Schüsse. Dann dachte ich: Ruf mal zu Hause an, um Deine Frau zu beruhigen. Und dann bin ich in das einzige Fünf-Sterne-Hotel vor Ort gegangen, weil das als einziges Hotel weit und breit ein Satelliten-Telefon hat. Es war sehr bizarr da, 250 Zimmer und ich war der einzige Gast.

Ich check da ein, anstatt zu duschen gehe ich runter an die Rezeption und sage: „Können Sie bitte diese Nummer in Deutschland anrufen?“ Wir haben vier Stunden gebraucht. Als meine Frau ran geht, rufe ich: “Ich bin hier in Kaschmir, ich wollte nur sagen… „ Und sie: „Hör mal, Jörn, Rieke ist gerade da, kannst Du später noch mal anrufen?” (lacht) Sie hat es gar nicht realisiert oder gut verdrängt oder mir sehr vertraut. Erst war ich beleidigt und hinterher dachte ich: das ist schon besser so, als wenn ich sie immer beruhigen müsste. Wir haben die Verabredung: keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Wenn sie manchmal die Feature hört, Monate später, realisiert sie: Hätte ich mir Sorgen machen müssen?

Fühlst Du Dich auf diesen Reisen manchmal einsam?

Ich genieße es, allein zu sein, ich brauche das auch bei der Arbeit. Ich laufe da rum wie so ein Schwamm, ich sauge alles auf, O-Töne und Atmo sowieso – ich will alles riechen, schmecken, erfahren, ich hätte da für einen Mitreisenden keine Nerven, keine Geduld. Ich bin ja meistens mit Leuten zusammen, dass ich in dem Sinne nicht einsam bin. Abends mache ich Notizen, höre Aufnahmen durch, arbeite immer sehr. Wenn ich allein unter Menschen bin, die so meines Gleichen sind, dann bin ich einsam. Ich bin mal durch die Pyrenäen gegangen sechs Wochen lang. Wenn ich dann in eine Berghütte kam und da saß eine Gruppe und ich allein an meinem Tisch, da habe ich mich einsam gefühlt. Auf meinen Recherche-Reisen bin ich nicht einsam. Ich könnte pathetisch sagen: Meine Geschichte ist immer bei mir.

Du hast ein paar Kontakte in dem jeweiligen Land, der Rest entsteht intuitiv, spontan. Bist Du auch schon Mal ohne eine Geschichte zurückgekommen?

Einmal war ich für “Menschen und Landschaften“, diese wunderbare Sendung beim Deutschlandradio, die sie leider eingestellt haben, in Kashgar oder Kaxgar. Das liegt in Nordwestchina an der Seidenstraße und ist eine Unruheprovinz. Es gibt starke Repressionen gegen die Uiguren, die von China unabhängig sein wollen. Ich wollte eine Geschichte machen über die schöne Seidenstraße und habe kein einziges Interview gekriegt. Alle hatten Schiss vor dem Mikrofon zu sprechen. Hab dann angefangen, weil es eine tolle Stadt ist, am Plan B zu arbeiten, ich hab überall Atmos aufgenommen: es gibt da Kamelmärkte, Viehmärkte, es gibt da Altstadt, es gibt da Musik. Ich habe der Redakteurin vorgeschlagen, eine Sendung über Kashgar zumachen, die zum Thema hat, dass keiner mit mir spricht. Und da hat sie sich darauf eingelassen, das ist eine schöne Sendung geworden.

Ein anderer Fall, wo das nicht so gut ausgegangen ist, war Dubai. Dort wollte ich eine Geschichte machen über indische Bauarbeiter. Dort bauten sie gerade den höchsten Turm der Welt. Ich hatte auch jemanden von der Ingenieurfirma, der mich mit raufnehmen wollte und ich hatte Kontakte zur indischen Ärztin, die sich ehrenamtlich um die Bauarbeiter kümmerte, aber das war nicht genug Material. Diese Inder waren arme Menschen und sie waren nicht reflektiert genug, Geschichten zu erzählen oder über ihre Situation nachzudenken. Ich hatte einfach zu wenig Material für ein Feature und musste das zurückgeben und habe für einen anderen Sender noch einen Halb-Stünder gemacht.

Ich war an vielen Orten, an vielen doofen Orten, armen Orten - Dubai war der einzige Ort, wo ich dachte, wann komme ich hier endlich wieder weg? Es gab keinen Ort, keine Stadt, die mich so genervt hat, weil das eine völlig künstliche Welt ist. Hast Du denn über die Jahre ein Gefühl, ein Gespür entwickelt, wie Du Geschichten an die Sender verkaufst? Wichtig ist eine Arbeitsbeziehungen zu einigen Redakteuren und Redakteurinnen zu haben, dass sie mir vertrauen, dass da schon irgendwas bei rauskommt. Wenn ich sage, dass ich einen Einblick in eines der gefährlichsten Slums Westafrikas kriegen kann, da braucht man nicht mehr so viel zu erzählen, wenn eine Redaktion das interessiert. Es gibt auch Redaktionen von denen höre ich: „Wir hatten dieses Jahr schon zwei Mal Afrika.“ Manchmal nervt es, weil es immer so ein Pokern ist, wenn man mit unvertrauten Redaktionen zusammenarbeitet. Ich hab sowieso Druck, und dann noch den Druck, ob die Redaktion wirklich zufrieden, glücklich ist, oder von mir enttäuscht sein könnte oder denkt, ich hätte denen jetzt etwas untergejubelt, den Druck will ich nicht auch noch haben.

Du machst nicht selbst Regie. Hast Du manchmal Angst, dass jemand Dein Feature verhunzt?

Ja, die ist da, ist mir auch mal passiert. Ich hab Theaterregie studiert, was ganz anders ist als Feature- und Hörspielregie. Aber daher weiß ich, dass man auch abgeben können muss. Ich habe schon Sachen gehört, da hab ich gedacht: „Boooh, das hab ich geschrieben.“ Dann hab ich mein Manuskript rausgeholt und hab gesehen, dass ich das wirklich geschrieben habe. Wenn es so gut produziert ist, gibt es solche wunderbaren Erlebnisse.

Als ich mein Feature “Herr Meier fährt jetzt fern” zum ersten Mal gehört habe, war ich ziemlich irritiert. Als ich es das zweite Mal gehört habe in Bremen im „Hörkino“ mit relativ vielen Leuten drum herum, merkte ich, was für eine Energie im Raum war und wie die Leute zugehört haben und ich dachte: booh, super. Vielleicht ist der Autor auch nicht der beste Zuhörer, also muss man es dem Regisseur abgeben können und dann auch dem Hörer.

Was reizt Dich an dem Genre Feature?

Ein gutes Feature erzählt vom Leben. Es gibt Stoffe, die man vielleicht besser im Film erzählt. Aber zum Beispiel in dem Slum in Liberia hätte ich nie mit der Kamera rumlaufen können, das kann nur Hörfunk. Das liebe ich, gerade im Ausland: Ich kann mir Zeit nehmen, und mittlerweile kann man die Aufnahmegeräte fast in die Hosentasche stecken, man kann es sehr dezent machen, man kann eintauchen in eine Situation, man kann sehr reinkommen in eine andere Lebenswelt, die man dann über das Feature im besten Fall wunderbar transportieren kann für den interessierten Hörer.

Über den Autor:
Jörn Klare wurde 1965 in Hagen/Westfalen geboren und studierte Psychologie und Theaterwissenschaft in Berlin. Seit 1995 arbeitet er als freier Autor für Reportage- und Feature-Redaktionen im Hörfunk der ARD und für verschiedene Printmedien (u.a. ZEIT, FAZ, SPIEGEL, SZ). Er erhält 2008 den Robert-Geisendörfer-Preis der EKD für das Radio-Feature (DLF/NDR) “Der Weltgerechtigkeitsbasar” und 2012 für “Herr Meyer fährt jetzt fern” (NDR). Die ARD hat sein Grenzgänger-Feature “Die makellose Professionalität des Andrej Smolenskij. Vom alltäglichen Leben in Transnistrien” für den Prix Italia 2013 nominiert. Jörn Klare lebt mit seiner Frau und zwei Kinder in Berlin.

Zum Nachhören: West Point, Monrovia
Unterwegs in einem der gefährlichsten Slums Westafrikas
Feature von Jörn Klare, DLF 2014

www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=399

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